Montag, 27 April 2020 15:59

In der Krise zeigt sich die Verwundbarkeit der globalisierten Welt

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Josef Stricker, geboren am 19.03.1939, aufgewachsen auf Stallwies in Martell, dem höchsten Kornhof Tirols, Priesterweihe im Jahr 1964, ab 1968 Arbeiterpriester, 26 Jahre lang von 1975 bis zur Pensionierung 2001 Gewerkschafter beim SGB/CISL, nachher geistlicher Assistent bis 2019 beim KVW, Publizist. Am 20.02.2018 erhielt Josef Stricker das Ehrenzeichen des Landes Tirol. Josef Stricker, geboren am 19.03.1939, aufgewachsen auf Stallwies in Martell, dem höchsten Kornhof Tirols, Priesterweihe im Jahr 1964, ab 1968 Arbeiterpriester, 26 Jahre lang von 1975 bis zur Pensionierung 2001 Gewerkschafter beim SGB/CISL, nachher geistlicher Assistent bis 2019 beim KVW, Publizist. Am 20.02.2018 erhielt Josef Stricker das Ehrenzeichen des Landes Tirol.

Vinschgerwind-Interview

Fragen an Josef Stricker – Arbeiterpriester und Gewerkschafter

 

Vinschgerwind: Vom obersten Bergbauernhof in Martell zum Priester, dieser Weg ist nachvollziehbar. Aber was hat Sie 1968 dazu gebracht, als Arbeiterpriester zum einfachen Fabrikarbeiter in der Bozner Industriezone zu werden?
Josef Stricker: Die 1960/70er Jahre waren in ganz Europa geprägt von einer Aufbruchsstimmung, wie es sie seither nicht mehr gegeben hat. Diese Euphorie erfasste die ganze Gesellschaft: Kultur und Bildung, die Welt der Arbeit, der Politik, der Kirche…Den Gewerkschaften gelang es, bedeutende Errungenschaft durchzusetzen. Als Beispiele seien erwähnt: das Arbeiterstatut, die Einführung der Vierzigstundenwoche, eine Reform des Pensionssystems. In der Kirche sorgte Johannes XXIII mit seiner Ankündigung ein Konzil einzuberufen für neuen Wind. Neues lag also in der Luft. Ich selber absolvierte von Oktober 1959 bis Ende Juni 1964 das Studium der Theologie in Trient. Während dieser Zeit kam ich Berührung mit der Bewegung der Arbeiterpriester in Frankreich. Alles was mir an Publikationen in deutscher oder italienischer Übersetzung untergekommen ist, habe ich gelesen. Was mich an der Bewegung der Arbeiterpriester so faszinierte, war ihr völlig neuer Ansatz. Sie jammerten nicht über den tiefen Graben, der sich zwischen Kirche und Arbeiterschaft seit dem späten 19. Jahrhundert aufgetan hatte, sondern sie durchschritten den Graben, wechselten auf die andere Seite, um in den Alltag eines Fabrikarbeiters einzusteigen. Bereits in den frühen 1940er Jahren gingen die ersten Priester und Ordensleute in die Fabriken. Ermuntert und spirituell begleitet wurden sie vom damaligen Pariser Erzbischof Kardinal Suhard und einer kleinen Gruppe hochkarätiger Theologen. Papst Pius XII hat 1954 das Experiment verboten. Während etwa die Hälfte der rund hundert Arbeiterpriester sich dem Verbot fügte, gewichtete die andere Hälfte die Solidarität mit der Arbeiterklasse stärker und blieb „unbeugsam“. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde das Verbot aufgehoben. In punkto Arbeiterpriester entstand eine neue Dynamik. In den 1960er und 1970er Jahren wuchs ihre Zahl in Frankreich auf fast tausend an, in Italien waren es rund dreihundert. Bis in die 1990er Jahre hinein habe ich regelmäßig an den gesamtstaatlichen Treffen der italienischen Arbeiterpriester teilgenommen. Mittlerweile ist das Experiment Arbeiterpriester ausgelaufen. Junge kommen nicht mehr nach. Das innerkirchliche Klima der Nachkonzilszeit hat das Interesse an diesem Experiment gegen Null gedreht.

Vinschgerwind: 26 Jahre lang waren Sie Gewerkschaftsvertreter und haben für die Arbeiterrechte gekämpft. Worum ging es bei diesen Auseinandersetzungen?
Josef Stricker: Insgesamt habe ich 30 Jahre in der Welt der Arbeit im engeren Sinn verbracht; vier davon in Fabriken der Bozner Industriezone und 26 Jahre als Gewerkschafter beim SGB/CISL. In all diesen Jahren konnte ich eine ganze Reihe höchst unterschiedlichen Erfahrungen machen. Deren Breite und Vielfalt gab mir nicht nur die Möglichkeit, den eigenen Blick zu weiten, sondern auch zu verstehen, wie die Welt der Wirtschaft, der Politik, der sozialen Beziehungen tickt. Ich lernte, über den kirchlichen Tellerrand hinauszublicken; ich musste meine Rolle finden in einer Welt, die ich bis dahin, zugegeben, nicht kannte. Im Rückblick betrachtet war es wohl meine produktivste Zeit. Eine Schule für das Leben, die ich nicht missen möchte.
Ich habe den Höhenflug der Gewerkschaftsbewegung in den 1960er und1970er Jahren genauso miterlebt, wie den etwa ab Mitte der 1980er Jahre einsetzten langsamen Niedergang. Die gesellschaftliche Bedeutung der Gewerkschaftsbewegung begann abzunehmen. Ein Vorgang, der bis heute anhält. Wichtige Etappen auf diesem Weg waren der „Heiße Herbst“ 1969/70 mit einer beispiellosen Mobilisierung der Arbeiterschaft; eine weitere Etappe war die lang anhaltende Krise von Industriegiganten wie FIAT, PIRELLI, IRI, ENI…In der Großindustrie standen tausende von Arbeitsplätzen auf der Kippe. Am Horizont tauchten bereits die Vorboten der Globalisierung auf. Die Gewerkschaften suchten zu retten, was zu retten war. In unserem Lande meldeten mehrere Betriebe Konkurs an. Von Entlassung bedrohte Arbeiter wurden abgefedert durch Instrumente wie Lohnausgleichskassa und Frühpensionierungen. Insgesamt erlebte ich die 1990er Jahre als eine unruhige, sehr bewegte Zeit.

Vinschgerwind: Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat sich einiges geändert. Wie sehen Sie heute unter dem Papst Franziskus die Zukunft der Katholischen Kirche?
Josef Stricker: Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) hat das unbestreitbare Verdienst, einen Paradigmenwechsel in der Katholischen Kirche vollzogen zu haben. Als Johannes XXIII am 25. Jänner 1959 in der Basilika San Paolo fuori le mura zur Überraschung der Anwesenden die Abhaltung eines Konzils ankündigte, ahnte niemand, welches Beben das Konzil in der Kirche auslösen würde. Als Reaktion auf die Aufklärung, die Säkularisierung, die Freiheitsbewegungen im 19. Jahrhundert, hatte sich die Kirche zusehends in eine Abwehrhaltung hineinmanövriert. Sie verstand sich als Gegenbewegung gegen die Freiheits- und Individualisierungsbestrebungen der Moderne. Eine Entwicklung, die im Ersten Vatikanischen Konzil (1869/70) ihren Höhepunkt erreichte. Die Kirche verstand sich als „societas perfecta“ und damit als ein Gegenüber zur Welt.
Das Zweite Vatikanische Konzil hat sich für einen ganz anderen Zugang zur modernen Welt entschieden. Es leitete die pastorale Wende in der Kirche ein. Johannes XXIII sagte in seiner Konzilseröffnungsrede am 11. Oktober 1962, es brauche ein „Lehramt von vorrangig pastoralem Charakter“. Damit waren die Weichen gestellt für einen anderen Zugang zur Welt. Dieser Zugang wurde schriftlich ausformuliert in der Konzilskonstitution ‚Kirche in der Welt von heute‘. Die Kirche steht nicht über der Welt, sondern hat ihren Ort in der Welt. Vorbereitet wurde diese Wende in der Zwischenkriegszeit durch die Liturgiebewegung, die Jugendbewegung, durch mutige Theologen und ab den 1940er Jahren auch durch die Arbeiterpriester.
Papst Franziskus realisiert konsequent die pastorale Wende des II. Vaticanums. Er sieht die Kirche nicht als homogene Gegenkultur zur Welt, nicht als „Festung“ in der Brandung, sondern als eine Art „Feldlazarett“ inmitten der Turbulenzen der Postmoderne. Franziskus hält keine Kulturkampfreden, sondern setzt Zeichen. Nicht zuletzt deswegen stößt er innerkirchlich auf erbitterten Widerstand. Sein Einsatz gilt der Rettung des Humanen, der Menschlichkeit gegenüber einer Moderne, deren Freiheitsbegriff kaum mehr ethische Grenzen kennt, gegenüber einem Kapitalismus, der an der Gerechtigkeitsfrage scheitert.

Vinschgerwind: Durch die Coronakrise befinden wir uns in einer ganz neuen Situation. Wie geht es Ihnen und wie erleben Sie diese Situation?
Josef Stricker: Mir geht es in der Coronakrise wahrscheinlich wie den meisten anderen Zeitgenossen: Betroffenes Staunen über die Wucht, mit der die Pandemie über uns hereingebrochen ist. Wir erleben, wie schnell und wie gründlich unser ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis von einer winzigen Mikrobe ad absurdum geführt werden kann. In der Krise zeigt sich die Verwundbarkeit der globalisierten Welt. Bleibt zu hoffen, dass die Corona-Pandemie, wenn sie denn zu Ende sein wird, nicht als kurzfristiges Blackout abgetan wird, um dann wieder zum alten Modus des Lebens zurückzukehren, so als hätte es die Erfahrung mit Corona nicht gegeben.

Vinschgerwind: Die Coronakrise ist eine große Herausforderung für die Gesellschaft, die Wirtschaft, das Zusammenleben und die Familien. Welche Gefahren, welche Zusammenbrüche befürchten Sie?
Josef Stricker: Hüten wir uns vor dem Sicherheitswahn. Corona hat unsere Prioritäten durcheinandergebracht. In der jetzigen Krise heißt es auf Distanz gehen. Plötzlich ist nicht mehr der Fremde, sondern der Nächste das größte Risiko. Es ist zu befürchten, dass der Protektionismus, das Denken in nationalstaatlichen Schablonen, weiter an Boden gewinnen wird. Es gibt erschreckend viele, die autoritäre Modelle höher einstufen als liberale Demokratien. Der Ruf nach starken Führungsfiguren in der Politik wird lauter. Entwicklungen, die man achtsam im Auge behalten soll. Die Globalisierung ist nicht alternativlos, wie Politiker und Wirtschaftsbosse uns lange Zeit eingehämmert haben. Globalisierung braucht Korrekturen. Was in den vor uns liegenden Jahren ansteht, ist die Aufwertung der regionalen Kreisläufe.

Vinschgerwind: In jeder Krise stecken auch Chancen. Sehen Sie das auch so und welche Chancen für eine Neuorientierung sehen oder wünschen Sie sich?
Josef Stricker: „Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, dichtete einst Friedrich Hölderlin. Das Auffälligste in diesen Tagen und Wochen mit Corona ist, dass ein neues Wir-Gefühl entsteht. In der Werteskala hat sich manches zum Besseren verschoben. Der Begriff der Solidarität erfährt eine bislang ungekannte Aufwertung. Darin sehe ich einen echten Fortschritt. Ein Gefühl wechselseitiger Sorge und Verantwortung macht sich breit. Das ist etwas, ich hoffe es, das von längerer Dauer sein wird. Seit den 1980er Jahren bis in die Gegenwart herauf war das dominierende Denkmodell der starke Einzelne. Das „Ich“ stand im Vordergrund. „Jeder ist seines Glückes Schmied“, die andere Variante. Corona macht deutlich, dass man globale Probleme wie Pandemien, Klimawandel, Migration, Gerechtigkeit, nur gemeinsam lösen kann. Da bin ich zuversichtlich.
Interview: Heinrich Zoderer


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