Dienstag, 12 April 2016 09:26

Nationalpark Stilfserjoch - Der 9. Trentiner Bärenreport aus dem Jahre 2015 - Ein zusammenfassender Situationsbericht

Artikel bewerten
(0 Stimmen)

402B3Wolfgang Platter, am Tag des Hlg. Julius I., 12. April 2016

Mitte März 2016 ist der neunte Bärenreport des Landesamtes für Forstwesen und Wildtierfauna der Autonomen Provinz Trient veröffentlicht worden. In meinem heutigen Beitrag möchte ich für die interessierten Leserinnen und Leser eine Zusammenfassung dieses Berichtes geben.

 

Das Trentiner Bärenmonitoring
Im Monitoring der Braunbären gibt es in der Provinz Trient inzwischen eine 40-jährige Erfahrung. Das genetische Monitoring mit der Bestimmung der DNA als Erbsubstanz wurde  dabei im Jahre 2015 im 14. Jahr in Folge durchgeführt. Im Berichtsjahr konnten dabei 807 Proben gesammelt werden, von welchen 246 organisches Material enthielten, welche für die DNA-Analyse tauglich war.
Die Mindestzahl der am Ende des Jahres 2015 anwesenden Trentiner Braunbären wird mit 48 Individuen angegeben, davon waren 20 Männchen, 21 Weibchen und 7 Junge unbestimmten Geschlechtes. Nicht alle Bären können jedoch gesichtet, fotografiert oder genetisch nachgewiesen werden. Aus den konsolidierten Standard- und Erfahrungswerten wird die Bärenpopulation der Trentiner Adamello-Brenta-Gruppe am Ende des Jahres 2015 auf  48 – 54 Tiere geschätzt.
Nach ihrer Altersstruktur aufgeschlüsselt sind die 48 im Jahre 2015 dokumentierten Bären 23 erwachsene Bären (8 Männchen und 15 Weibchen), 14 Jungbären (10 Männchen, 4 Weibchen) und 11 Junge des Jahres (2 Männchen, 2 Weibchen und 7 Junge noch unbestimmten Geschlechtes).

Würfe 2015  
Für das Jahr  2015 konnten 7 Würfe mit insgesamt 13 Jungen von 7 Trentiner Bärinnen dokumentiert werden. Dabei erbrachte eine Bärin einen Dreierwurf, vier Bärinnen gebaren je 2 Junge und zwei Bärinnen brachten je ein Junges zur Welt.
In den letzten 14 Jahren (2002-2015) wurden aus insgesamt 48 Würfen 101 Jungbären geboren. Bis heute haben sich seit dem Jahre 2002 aus der Adamello-Brenta-Braunbärenpopulation 19 Weibchen und 10 Männchen fortgepflanzt. 2015 waren 8 geschlechtsreife Bärenmännchen und geschlechtsreife Bärinnen in dieser Population vorhanden.

Tote Bären 2015
Im Jahre 2015 wurden 5 tote Bären aufgefunden: Das 8-jährige Männchen M6 war vergiftet worden, das zehnjährige Weibchen BJ1 wurde mit seinen zwei Jungen F22 und M33 von einem männlichen Bären in der Val karte 0001di Tovel getötet. Das Phänomen der Tötung von Bärenjungen durch männliche Bären ist bekannt: Die Bärin soll nach dem Verlust der Jungen wieder brunftig und paarungsbereit werden. Offensichtlich hat die Bärin BJ1 ihre Jungen verteidigt und ist vom Männchen ebenfalls getötet worden. Die Reste eines weiteren 3-jährigen Männchens (M26) sind im Gemeindegebiet von Caldes im Sulzberg aufgefunden worden.
Die beiden verwaisten Jungen aus dem Wurf 2014 der bei der Narkotisierung zur Besenderung verendeten Bärin Daniza haben den Winter 2014/15 hingegen überlebt.

Zur Raumnutzung
Von den 48 Bären der Trentiner Mindestpopulation wurden im Jahre 2015 40 ausschließlich im Gebiet der Provinz Trient nachgewiesen, 7 Bären auch außerhalb des Trentinos und der Bär M25 hat in der Provinz Sondrio überwintert. Alle 8 Bären, welche 2015 außerhalb der Trentiner Landesgrenzen nachgewiesen worden sind, waren ausschließlich Männchen (7 Erwachsene und ein Jungbär). Vier dieser wandernden Bärenmännchen haben Südtiroler Landesgebiet durchstreift (MJ5, M7, M22 und M32) und zwar das Ultental und den Vinschgau rechtsseitig der Etsch. Ein Bär besuchte das Veneto (M19), ein weiterer Friaul Julisch Venetien (M4), zwei das Gebiet der Lombardei (M18 und M25).
Für den Zehnjahreszeitraum 2005 – 2015 konnte nach den im Jahre 2004 erfolgten ersten Würfen die Ausbreitung von insgesamt 27 Bärenmännchen außerhalb der Trentiner Landesgrenzen dokumentiert werden: 11 davon (gleich 41%) sind gestorben oder verschwunden, weitere 10 (37%) sind in das Stammareal der Weibchen zurückgekehrt, 2 (gleich7%) sind nach Osten abgewandert und 4 (15%) sind  zum Berichtsstand Ende 2015 noch auf Wanderschaft. Bisher wurde noch keine Abwanderung von Bärenweibchen aus dem Trentino dokumentiert.
Das Gesamtgebiet, das von den Bären unter Berücksichtigung der streunenden Männchen inzwischen im Bereich der Zentralalpen bestrichen wird, beträgt 20.794 km². Das derzeit stabil von den gebärenden Bärinnen besiedelte Stammgebiet im Adamello Brenta-Stock ist mit 1.303 km² um Vieles kleiner (Verhältnis 16:1).

Schadensvergütung
Im Jahre 2015 wurden vom Trentiner Landesamt für Forstwesen und Wildtierfauna von den 112 Anträgen auf Rückvergütung von Schäden durch Braunbären 104 angenommen und 8 abgewiesen. Was die Abgeltung der Schäden nach Schadenskategorien betrifft, wurden 2015 von der Provinz Trient folgende Summen liquidiert: Gesamtsumme 65.595,00 Euro, davon für Schäden an Bienenvölkern € 23.065,00, für Schäden an landwirtschaftlichen Kulturflächen € 27.405,00, für Risse von Haustieren € 14.008,00 und für andere Schäden € 1.117,00.
karte 2Die insgesamt 58 Attacken des Wolfsrudels in den Lessinischen Alpen an der Grenze zwischen den Provinzen Trient und Verona haben hingegen 68 Weidetiere betroffen, davon 14 mit tödlichem Ausgang (8 Kälber, 3 Fohlen und 3 Schafe). Zur Schadensabgeltung aus Wolfrissen musste die Provinz Trient 2015 insgesamt 14.942,00 Euro aufwenden.
Zum Vergleich: In Südtirol gab es 2015 36 Schadensfälle an Bienenvölkern und 9 Risse von Haustieren durch Braunbären, wofür insgesamt 13.130,00 Euro für die Schadensabgeltung aufgewendet werden mussten. Der Wolf war in Südtirol 2015 für Risse von 15 Schafen und 4 Ziegen verantwortlich. Das Land Südtirol hat diese Wolfschäden mit insgesamt  € 2.900,00 abgegolten. Genetisch konnten in Südtirol die zwei Wölfe M24 und M41 dokumentiert werden.

Schadensverhütung
Im Trentino wurden 2015 120 Ansuchen auf Überlassung von Elektrozäunen in Nutzungsleihe gestellt. Die Elektrozäune sollen Bienenvölker und Weidetiere in Koppelhaltung vor Bärenschäden schützen. Die Trentiner Landesverwaltung hat für den Ankauf der Schutzzäune 49.000,00 Euro aufgewendet. Das Trentiner Landesamt hat im Jahre 2015 50 Almen und deren Bewirtschafter im Bären- und Wolfgebiet beraten und betreut. Auf diesen Almen wurden insgesamt 18.550 Schafe und Ziegen, 135 Pferde und Esel sowie 1.112 Rinder gesömmert. Durch den Einsatz von Elektrozäunen und Koppelbewirtschaftung auf den Almen und von insgesamt 7 Herdenschutzhunden in fünf Tierherden konnten die Attacken der großen Beutegreifer Braunbär und Wolf auf insgesamt 6 Angriffe (3 durch den Bären und 3 durch den Wolf) abgemildert werden; in den geschützten Herden gingen dabei 32 Schafe, 2 Ziegen und 1 Esel verloren. Dies entsprach 0,18% der 19.797 gesömmerten Weidetiere.

Agridea-Bericht liegt vor
Zusammen mit dem Südtiroler Landesamt für Jagd und Fischerei haben wir als Südtiroler Amt für den Nationalpark Stilfserjoch im Frühjahr 2015 an das Schweizer Fachinstitut für die Entwicklung der Landwirtschaft und des ländlichen Raumes agridea einen Auftrag zur Erstellung eines Konzeptes zur Kleinviehalpung in den westlichen Landesteilen von Südtirol (Vinschgau, Ultental, Deutschnonsberg) im Hinblick auf die Rückkehr der Großen Beutegreifer Wolf und Braunbär vergeben. Der Bericht von agridea liegt jetzt vor. In insgesamt 10 Teilberichten über die entsprechenden Kleinregionen werden Möglichkeiten zur gezielten Bewirtschaftung von Almen mit Kleinvieh und damit verbundenen Herdenschutzmaßnahmen vorgestellt und diskutiert.
Im Vinschgau (ohne Schnalstal) gibt es 87 bewirtschaftete Almen mit einer nutzbaren Weidefläche von insgesamt 19.436 Hektar. Auf diesen Almen wurden im Sommer 2014 insgesamt 19.068 Weidetiere gesömmert, davon 1.401 Melkkühe, 5.133 Stück Galtvieh, 324 Pferde, 10.254 Schafe, 1.795 Ziegen und 161 Schweine.

{jcomments on}


Warning: count(): Parameter must be an array or an object that implements Countable in /www/htdocs/w00fb819/vinschgerwind.it/templates/purity_iii/html/com_k2/templates/default/item.php on line 248
Gelesen 1331 mal

Schreibe einen Kommentar

Make sure you enter all the required information, indicated by an asterisk (*). HTML code is not allowed.

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.