Dienstag, 24 Oktober 2017 12:00

Konflikte brauchen immer Vermittler

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s10 Kurt GritschEin Gespräch mit dem Historiker, Migrations- und Konfliktforscher Kurt Gritsch

Vinschgerwind: Womit beschäftigt sich ein Konfliktforscher?
Kurt Gritsch: Ein Konfliktforscher beschäftigt sich mit den Strukturen von Konflikten. Man untersucht, ob Konflikte ähnliche Vorgeschichten und Entwicklungen haben und dann versucht man daraus bestimmte Schlüsse zu ziehen, um zukünftige Konflikte möglichst friedlich lösen zu können.

Vinschgerwind: Welches sind heute die gefährlichsten Konflikte auf der Welt?


Gritsch: Im ersten Moment könnte man sagen, der Konflikt mit Nordkorea und der Konflikt mit dem Iran, aber wenn man das alles genauer ansieht, muss man sagen, dass dahinter der Konflikt zwischen China und den USA steckt. In Europa haben wir den Konflikt zwischen Russland und der EU. Der Konflikt zwischen China und den USA ist kein militärischer Konflikt, es ist ein Kampf um die Märkte, bzw. um die Vorherrschaft in der Weltwirtschaft, auch der Kampf um die Weltwährung. So wie die USA Großbritannien nach dem Zweiten Weltkrieg als Weltmacht abgelöst haben und der Dollar zur Weltwährung aufgestiegen ist, so ähnlich ist nun China dabei sich zur wirtschaftlichen Weltmacht zu entwickeln.

Vinschgerwind: Warum gelingt es nicht Konflikte auf dem Verhandlungsweg zu lösen?
Gritsch: Es gelingt durchaus Konflikte auf dem Verhandlungsweg zu lösen. Wenn wir z.B. an Südtirol denken, dieser Konflikt wurde auf dem Verhandlungsweg gelöst. Dass das nicht immer möglich ist, hat damit zu tun, dass mitunter große ökonomische, geopolitische oder geostrategische Gegensätze aufeinanderprallen, bei denen mindestens eine Seite so mächtig ist, dass sie sich schlicht und einfach nicht gezwungen sieht auf dem Verhandlungsweg einen Kompromiss einzugehen. Die Suezkrise wurde auf dem Verhandlungsweg beigelegt, weil die beide Großmächte USA und UdSSR gesehen haben, dass sie sich nicht durchsetzen können und ein Kompromiss vernünftiger ist als Krieg zu führen. Ganz anders war es beim Kosovokrieg 1999. Auf der einen Seite stand die NATO, ein militärisch-wirtschaftlicher Riese, auf der anderen Seite Serbien, ein militärisch-wirtschaftlicher Zwerg. Die NATO musste auf Grund ihrer Stärke nicht auf Verhandlungen eingehen. Deshalb wurde nur halbherzig verhandelt.

Vinschgerwind: Wie groß sehen Sie die Gefahr eines Atomkrieges zwischen Nordkorea und den USA?
Gritsch: Es ist schwer abzuschätzen wie ernst die Verantwortlichen in den USA, die Militärs, aber auch die politische Führung und die Militärs in Nordkorea es meinen. Die Rhetorik lässt nichts Gutes erwarten. Es gab ja bereits 1950 bis 1953 einen Krieg der USA gegen Nordkorea, was dort nicht vergessen wurde. Die Angst in Nordkorea ist ein Stück weit schon berechtigt. Aus dieser Vergangenheit könnte man den Schluss ziehen, dass ein konventioneller Krieg zwischen USA und Nordkorea jederzeit möglich ist. Inwiefern ein solcher Krieg zu einem Atomkrieg ausarten kann, ist schwer abzuschätzen, aber nicht auszuschließen. Kriege entwickeln eine Eigendynamik. Sie beginnen oft mit einem kleinen, lokalen Konflikt, den man glaubt militärisch „lösen“ zu können. Diese Konflikte arten dann aus und entwickeln sich zu einem Flächenbrand. So war es auch beim Ersten Weltkrieg. Man glaubte, in zwei oder drei Monaten wäre der Konflikt beendet. Gekommen ist es ganz anders.

Vinschgerwind: Bräuchte es beim Konflikt um Nordkorea Vermittler, wer könnte das sein?
Gritsch: Konflikte brauchen immer Vermittler. In diesem Konflikt braucht es dringend Vermittler. Ich sehe die UNO als Vermittler und das ist auch vom Völkerrecht so vorgesehen. Ich teile nicht die Geringschätzung vieler Intellektueller, die UNO tauge nicht dazu. Die UNO ist sehr wohl dazu in der Lage, sie wird aber sehr oft durch ihre eigenen Mitgliedsstaaten, d.h. durch die Vetostaaten daran gehindert. Auch die EU könnte hier vermittelnd eintreten, da sie wirtschaftlich zwischen den Interessen der USA und China steht und zu beiden Weltmächten wichtige Beziehungen unterhält.

VVinschgerwind: Sie sagen in Ihrem Buch „Vom Kommen und Gehen“, dass es keine „Flüchtlingskrise“, sondern eine Ungerechtigkeitskrise gibt. Was meinen Sie damit?
Gritsch: Das Wort Flüchtlingskrise ist ein politischer Kampfbegriff der rechten Parteien Europas. Dem Fliehenden wird durch diesen Begriff die Verantwortung zugeschoben, d.h. den Menschen, die aus ihrem Land fliehen, will man verantwortlich machen für die Krise. Wäre er nicht geflohen, hätten wir keine Krise. Diese Beschreibung trifft nicht zu, denn die Menschen fliehen nicht ohne Grund. Freihandelsabkommen der EU mit afrikanischen Ländern haben dazu geführt, dass die kleinbäuerlichen Strukturen zerstört wurden. Hinter den Fluchtursachen steckt eine zutiefst ungerechte Wirtschaftspolitik. Transnationale Konzerne haben ein Interesse weltweit Märkte zu öffnen, billig an Rohstoffe zu kommen. Deshalb wollen sie Zölle abschaffen bzw. niedrig halten.  

Vinschgerwind: Wie können die Ursachen für Migration beseitigt oder verringert werden? Braucht es eine neue Weltwirtschaftsordnung?
Gritsch: Es gibt auch andere Fluchtgründe, z.B. Krieg. Die USA, Russland, aber auch europäische Staaten verkaufen Waffen an Diktaturen und so brechen bewaffnete Konflikte aus und viele werden vertrieben. Freihandelsabkommen und eine damit zusammenhängende Liberalisierung schadet der afrikanischen Wirtschaft. Es braucht eine Änderung der globalen Wirtschaftsordnung, weg vom reinen Profitdenken, hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft, einer Gemeinwohlökonomie, einer Wirtschaft, bei der das Wohl der Menschen, der Tiere und der Umwelt berücksichtigt wird.

Vinschgerwind: Wie muss Europa, wie müssen wir mit den Flüchtlingen umgehen? Wie viele können wir aufnehmen und integrieren?
Gritsch: Man muss unterscheiden zwischen einer dauerhaften Aufnahme und einer zeitlich begrenzten Aufnahme. Nordtirol hat viermal so viele Flüchtlinge wie Südtirol aufgenommen und es geht. Natürlich ist irgendwann eine Grenze erreicht, aber eine Zahl anzugeben ist schwierig. Bei der temporären Aufnahme, d.h. Menschen vorübergehend eine menschenwürdige Unterkunft zu bieten, gibt es von den Menschenrechten aus keine Obergrenze. Südtirol hat 31 Millionen Übernachtungen im Jahr und Touristiker sehen noch „Luft nach oben“, dann muss man sagen, dass es auch möglich ist, vorübergehend mehr Menschen in Not aufzunehmen – zumal es sich dort nur um ein paar Hundert handelt.   

Vinschgerwind: Die Flüchtlingsfrage und die Frage der Sicherheit werden bei Wahlen zu zentralen Fragen. Rechtspopulistische Parteien machen Stimmung, schüren Ängste in ganz Europa. Wie kann man darauf reagieren?
Gritsch: Man muss das Kind beim Namen nennen. Wofür stehen diese Parteien, nehmen sie die Sorgen und Ängste der „kleinen Leute“ ernst, sind sie dafür, Menschen in Not zu unterstützen? Viele sind für Kürzungen bei den Armen, wohlgemerkt bei den Einheimischen, denen sie angeblich helfen wollen. Sie stehen meist für eine neoliberale Wirtschaftspolitik, welche die Wohlhabenden reicher macht und Arme ärmer. Flüchtlinge und Ausländer sind oft nur ein Ablenkungsmanöver, sie sind die Sündenböcke, um Ängste zu schüren. In der Schweiz nennt man das die Angstbewirtschaftung, es ist eine Politik, die mit dem Phänomen der Angst arbeitet.

Vinschgerwind: Sie bekommen den „Walther-von-der-Vogelweide“ Förderpreis 2017. Was bedeutet für Sie dieser Preis?
Gritsch: Dieser Preis ist eine sehr schöne Anerkennung meiner Arbeit und erfüllt mich mit großer Freude.

Interview: Heinrich Zoderer

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