Dienstag, 03 April 2018 12:00

Explosiver Wasserstoff

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s7 0440von Erwin Bernhart

Mit der Schneeschmelze, mit dem Langes bricht am Göflaner Wantlbruch die Zeit des Marmorabbaues an. Burkhard Pohl und seinen Marmormannen sind schneearme Winter lieber als der heurige schneereiche. Je früher der Schnee am schattigen Wantlbruch verschwindet, desto eher kann mit dem Abbau begonnen werden.


Bei Landesrat Arnold Schuler ist es eher umgekehrt. Als Zuständiger für die Forststraßen hat Schuler seit 2013 jährlich eine provisorische Genehmigung für den Abtransport über die Straße nach Göflan ausgestellt. Der schneereiche Winter heuer kommt Schuler entgegen. Denn er möchte im heurigen Wahljahr den vertrackten gordischen Knoten - die Frage des Abtransportes - durchschlagen.

In Schlanders, in Laas und in Göflan herrscht gespanntes Warten. Denn noch sind die Lösungsvorschläge von Schulers Ressort nicht besiegelt.
Deshalb sind alle Akteure, mit denen der Vinschgerwind gesprochen hat, zugeknöpft. Die Vorschläge sollen vorerst intern verdaut werden - in der lasa marmo, in der Göflaner Marmor GmbH, in den Fraktionen, in den Gemeinden. Schuler selbst wirbt um Verständnis dafür, dass man in einer „delikaten Phase“ sei. Das ambitionierte Ziel sei es, die Geschichte rund um den Marmortransport zu regeln. „Sonst haben wir jedes Jahr diesselbe Diskussion“, sagt Schuler. Es gebe konkrete Vorschläge. Eine Voraussetzung sei, dass die Schrägbahn als Tranportmittel erhalten bleiben solle. Mehr  ist Schuler nicht zu entlocken.
Der BM von Laas Andreas Tappeiner kann nur auch bisher Gesagtes wiederholen. Für ihn sei der langfristige Erhalt der Schrägbahn Grundvoraussetzung. Und es müsse zu einer Kostenneutralität beim Abtransport kommen, damit die leidige Wettbewerbsverzerrung vom Tisch sei.
Der BM von Schlanders Dieter Pinggera sagt, dass man auf einen Termin mit dem Landesassessorat von Schuler warte. Für Pinggera ist der Eckpfeiler für Verhandlungen, dass es zwei getrennte Transportlösungen geben müsse. Über die Hoheit, wie diese Transporte organisiert werden, könne man durchaus reden. „Unserem Unternehmer muss eine auch ökonomisch annehmbare Lösung bis zum Ende der Konzessionszeit geboten werden“, sagt Pinggera. Ihm sei wichtig, dass Rechtssicherheit und ökonomische Sicherheit herrschen werde. „Wir sind seit eh und je an einer Befriedung in der Transportfrage interessiert“, sagt Pinggera.

Man mag die Lösung an der Marmorfront bezeichnen wie man will - es ist die wirtschaftspolitische Königsklasse. Die zu befriedenden Akteure sind dermaßen ineinander verstrickt - vertraglich gebunden, mit Auflagen versehen, mit teils unterschiedlichen wirtschaftlichen und umwelttechnischen Interessen, in Gerichtsstreitigkeiten verheddert, mit Animositäten behaftet - dass es schier unmöglich erscheint, eine Einigung erzielen zu können.
Auf der einen Seite sind es die Verpächter der Marmorkonzession, die Fraktionen Laas und Göflan, die einen guten Pachtschilling aus dem Marmorabbau beziehen. Während die Göflaner (mit Beteiligung der Agrargemeinschaft „Göflaner Alm“ und der Gemeinde Schlanders) 2017 insgesamt netto 367.000 Euro zwischen Pacht und Abtransport einstreichen konnten, hat die Fraktion Laas rund 330.000 Euro (2. Halbjahr 2016 und 1. Halbjahr 2017) an Pacht und Transport eingenommen. Ein beneidenswertes und exklusives Einkommen für die Fraktionen.
Auf der anderen Seite sind es die Bruchbetreiber. Auf Laaser Seite holt die lasa marmo den kostbaren Stein aus dem Weißwasserbruch und am Göflaner Wantlbruch ist es die Göflaner Marmor GmbH von Burkhard Pohl. Der Abtransport ist für beide kostenmäßig eine relative Geschichte. Der Stein wird in die Welt teuer verkauft, geschnitten oder gar in ganzen Blöcken. Hauptsache der Marmor wird ohne große Schwierigkeiten in die jeweiligen Verarbeitungsstätten gebracht. In Laas organisiert den Transport die lasa selbst. Im vorigen Jahr ist rund ein Drittel des abgebauten Marmors mit LKW über Tarnell ins Laaser Werk gebracht worden. Für „Übergrößen“, also für rund 30-Tonnen-Blöcke, die die Schrägbahn nicht derpackt, wurden Ausnahmegenehmigungen erteilt. In Göflan wird dieses Verhalten mehr als zur Kenntnis genommen. Denn die lasa beraubt sich durch den Transport über die Straße zunehmend des schlagenden Arguments der Wettbewerbsverzerrung. Göflan selbst lebt die gesamte Abbausaison hindurch von der Ausnahmeregelung zum Abtransport. Jedes Jahr aufs Neue.

Die lasa marmo, die Lechner Marmor AG und der Tafratzhofbauer Johann Gurschler laufen gegen diese Ausnahmeregelung jedes Jahr gerichtlich Sturm. Ein Gipfeltreffen der Rekurse findet voraussichtlich am 18. April vor dem Staatsrat statt. Dort sollen gleich mehrere Rekurse, die meisten den Abtransport betreffend, verhandelt werden.

Wenn nicht inzwischen eine für alle annehmbare und unterschriebene Lösung gefunden sein wird. Schuler hat seinen Ressortdirektor Klaus Unterweger vor einiger Zeit in den Vinschgau entsandt. Begleitet wurde er vom ehemaligen Generalsekretär des Landes Hermann Berger. Getroffen haben sich die beiden Emissäre aus Bozen mit den Schlandersern und mit den Laasern. Der Göflaner Fraktionssekretär Georg Sagmeister ist sich nicht sicher, was die beiden eigentlich wollten. Eine zentrale Frage war, ob für die Fraktion Göflan und für die Gemeinde Schlanders, die von BM Pinggera vertreten war, in Frage käme, den Vertrag mit dem Bruchbetreiber ändern zu wollen. Die Antwort war, dass damit Burkhard Pohl einverstanden sein müsse.

In Laas sind Unterweger und Berger mit BM Andreas Tappeiner und den Fraktionspräsidenten Oswald Angerer zusammengetroffen. Einziges Thema war, herauszufinden, welcher Weg für Laas gangbar sei.
Tappeiner sagt dem Vinschgerwind, dass sein Vorschlag immer noch der sei, dass es beim Abtransport entweder eine Ausgleichszahlung geben müsse oder es soll ein Konsortium gebildet werden, welches den Abtransport für beide Brüche übernimmt. Dann könne man einen Kostenmix erstellen und aufteilen. Damit könnten beide Transportwege bleiben und es wäre die Wettbewerbsverzerrung weg.
In Laas und in Schlanders spricht man über das Gerücht, dass wasserstoffbetriebene LKW eingesetzt werden könnten. Schuler sagt, dass das ein konkreter Vorschlag sei. BM Pinggera sagt, dass es für Schlanders einerlei sei, ob Elektro-, Wassserstoff- oder Eurodiesel-6-LKW eingesetzt werden. BM Tappeiner sagt, dass für ihn wasserstoffbetriebene LKW für die ohnehin getätigten Fahrten von rund einem Drittel des Abbaues durchaus gut gehen können. Allerdings müssen die restlichen zwei Drittel weiterhin über die Schrägbahn ins Tal gebracht werden. Oswald Angerer schätzt die Lage so ein: Die lasa marmo werde sich den Fahrten mit LKW nicht verschließen. Er selbst sei für die Schrägbahn. Man könnte auch die Zugelen am oberen Geleis und auch die Schrägbahn auf Wasserstoff umrüsten. Allerdings habe man in der Vergangenheit in Laas alle Augen für die Sondergenehmigungen zugedrückt, schließlich hat die lasa rund 60 Arbeitsplätze. Die Augen zugedrückt hat auch die Fraktion Laas. Denn die Straße vom Bruch bis Tarnell gehört der Eigenverwaltung Laas, von Tarnell bis ins Dorf ist sie eine Gemeindestraße.

Es gibt in Laas einiges Murren über die LKW-Fahrten. Denn die LKW fahren in die Schmied- und dann in die Kugelgasse. Eine ohnehin gemischte Straße zwischen Autos, Landwirtschaft und Radfahrern.
Angerer denkt an eine mögliche Umfahrung. Von der Tarneller Brücke zweigt ein Bonifizierungsweg ab, der in einen Fraktionsweg führt. Schließlich könnten über diese Umfahrung auch die Holztransporte aus dem Fraktionswald, immerhin rund 2000 Kubikmeter pro Jahr, abgewickelt werden.
Aus den Bruchstücken der Aussagen lässt sich ein Szenario destillieren: Ein Konsortium, an dem die Gemeinden Laas und Schlanders und die Fraktionen Göflan und Laas beteiligt sind, organisiert den Marmor-Abtransport: LKW für Göflan - und für Laas jene rund 120 Fahrten Ausnahmegenehmigungen. Eingesetzt werden soll Wasserstofftechologie für LKW. Deshalb wird im Konsortium auch das Land vertreten sein, um mit einem Wasserstoff-Pilotprojekt und möglicherweise mit Geldern aus entsprechenden EU-Töpfen dieser Technik auf die Sprünge zu helfen. Das Konsortium pachtet auch die Schrägbahn. Die Kosten insgesamt werden den abgebauten Kubikmetern Marmor gegenübergestellt und die Bruchbetreiber bezahlen diese Kosten pro Kubikmeter. Die Thematik des Abtransportes wäre vor allem in Laas dem dortigen Bruchbetreiber entzogen.

Einverstanden sein und unterzeichnen müssen das Gebilde die beiden Gemeinden, die beiden Fraktionen, die beiden Bruchbetreiber, einverstanden muss auch der Nationalpark sein.
Kommt tatsächlich mit der Schneeschmelze heuer eine für allen annehmbare Transportlösung an der Vinschger Marmorfront? Ausgerechnet im Wahljahr? Gewiss ist, dass Wirtschaftslandesrat Arno Kompatscher an einer Lösung aktiv interessiert ist. Gewiss ist auch, dass Alt-LH Luis Durnwalder als Berater der lasa im Hintergrund mitmischt.

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