Mittwoch, 13 Juni 2012 00:00

„Das wäre eine gewaltige Sache“

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Langtaufers/Graun/Reschen/St. Valentin/Nauders/Kaunertal

s7_9511Die Diskussionen rund um eine Verbindung Langtaufers-Kaunertal haben jüngst eine neue Qualität bekommen. Langtaufers soll damit einem Aufschwung zugeführt und vor Abwanderung gerettet werden, das ganze Oberland bekäme eine Saisonverlängerung und damit neuen Gästeschub und nebenbei könnten die zum Sterben verurteilten Skigebiete Maseben und Haideralm vor dem Tod gerettet werden. Weil die neue Idee „vernünftig, machbar und finanzierbar“ sei, sagen die Befürworter. Der Grauner BM Heinrich Noggler warnt vor allzu schnellem Handeln.

von Erwin Bernhart

Die Idee, Langtaufers mit dem Kaunertal zu verbinden, bekommt eine neue Qualität. Am 18. Mai 2012 hat die Firma Leitner in der Gemeinde Graun eine Machbarkeitsstudie vorgestellt, wie diese Idee konkret verwirklicht werden könnte. Heinzpeter Platter hat die Studie vorgestellt. Mit einem Kostenaufwand von 14 bis 16 Millionen Euro könnte eine Seilbahn die Talstation des kleinen Skigebietes Maseben hinauf in Richtung Melagertal (dort mit einer Mittelstation) und dann mit einem Knick hinauf zum Karles Joch mit der Kaunertaler Karlesjochbahn verbinden. Mit einer Länge von rund 7 Kilometern. Beide Bergstationen Kopf an Kopf. „Das wäre eine vernünftige, machbare und auch finanzierbare Lösung“, sagt Eugen Larcher zum Vinschgerwind. Larcher ist Geschäftsführer der Kaunertaler Gletscherbahnen und das seit 35 Jahren.
Grundsätzlich ist die Idee nicht neu. Hat man in der Vergangenheit von Kosten von 20 bis 30 Millionen Euro gesprochen, mit Start von Maseben auf die Weißseepitze, einen Haufen Studien gemacht, ist man von einer Verwirklichung mit jeder Studie weiter entfernt worden. So hatte es den Anschein. Ein gemeinsames Vorgehen im oberen Vinschgau mit den Nordtirolern war, bisher, kopfmäßig nicht vorgesehen.
Das könnte sich ändern, weil sich auch die Vorzeichen gewaltig geändert haben. Die bisherigen Rufer nach einer Verbindung zum Kaunertalgletscher, die Langtauferer Sepp Thöni und Helmuth Köllemann, sind draußen. Sie haben sich mit dem Austritt aus dem HGV und aus dem Tourismusverein im vorigen Jahr selbst ins Abseits manövriert. Dem Vinschgerwind gegenüber wollen sie keine Stellungnahme abgeben. Nur soviel: „Wir sind nicht über die aktuellen Dinge informiert.“ Dafür sind andere Akteure in Langtaufers aktiv geworden. Alte, erfahrene Hasen.

Maseben
Da ist zum einen das kleine Skigebiet Maseben, von Hansi Klöckner mit Egon Hartmann, dem Grödner Finanzier und Hotelier, im Hintergrund, seit 12 Jahren privat betrieben. Man hat sich - laut Klöckner ohne größere  öffentliche Zuschüsse - über Wasser halten können. Allerdings steht in den kommenden Jahren eine größere Revision an, die die finanzielle Leistung des Skigebietes übersteigen wird. Mehr als 300.000 Euro werde diese Revision wohl kosten, sagt Klöckner. Bleibt man mit diesen Aussichten allein, wird das kleine Skigebiet schließen müssen. In Langtaufers würde so die letzte Bastion einer Aufstiegsanlage verräumt. Mit möglicherweise verheerenden Folgen für das rund 440 Einwohner zählende Tal. Denn heute pendelt nicht nur die Jugend aus dem Tal. Genau die Jugend soll in Langtaufers in Bälde befragt werden, ob sie sich eine Verbindung mit dem Kaunertaler Gletscherbahnen vorstellen könnten. Schließlich würden damit 30 Jahresarbeitsstellen geschaffen. Klöckner bereitet derzeit die Umfrage vor. Eine Art unverbindliche Befragung mit einer einfachen Fragestellung und einfachen Antwortmöglichkeiten. Seid ihr für dieses Projekt? Ja oder Nein.
Wenn die Verbindung gebaut werden sollte, würde auch Maseben, möglicherweise in einer neuen Gesellschaftsform bei den Kaunertalern, Unterschlupf finden und somit seinen weiteren Bestand sichern können. Das sagt Klöckner.
Bei der Vorstellung der Machbarkeitsstudie in Graun wurde von Seiten der Kaunertaler auch darüber gesprochen, dass man die Haideralm unterstützen könnte. Bei den Anwesenden, darunter der gesamte Gemeindeausschuss der Gemeinde Graun und die Fraktionsverwalter von Langtaufers, habe diese Idee einer möglichen Zusammenarbeit nur ein müdes Lächeln geerntet, sagt ein Beteiligter.

s7_046Verbund
Dabei ist gerade ein solcher Verbund verlockend. Denn auch der seit Jahren in mehr oder weniger intensiven Verhandlungen angedachte Zusammenschluss zwischen den Skigebieten Schöneben und Haideralm kommt kaum vom Fleck. Auch nicht mit dem neuen Schwung, den der neue Grauner BM Heinrich Noggler an den Tag gelegt hat. Es spießt sich auch daran, wer wieviel für einen neuen Verbindungslift zwischen St. Valentin und Schöneben zahlen soll. Die Taktiererei in der Gemeinde Graun sitzt wohl tiefer und wird von einer wohlkalkulierten Behäbigkeit von Schöneben aus gesteuert. Zudem stehen bei der Haider AG auch die Revisionen an. Kosten: 1,5 Millionen Euro. Rechnet man alle Zuschüsse aus öffentlicher Hand - vom Land und von der Gemeinde - ab, bleiben der Haider AG laut Präsident Johann Sprenger immer noch 500.000 Euro, die in die Revision zu stecken sind. Aus eigener Kraft ist das nicht zu stemmen. Sprenger sucht Strohhalme nach allen Seiten. Eine Verbindung mit dem Watles? Unterstützung aus Nauders? Was kann man mit den Kaunertalern anfangen? Der Lampl-Hans, wie er im Oberland gerufen wird, ist wie ein Wirbelwind auf der Suche nach Partnern, die der Haider AG Luft zufächeln könnten. Luft zum Überleben. Die Haideralm ist derzeit unbeweglich und sie tut sich schwer, die Bankverbindlichkeiten zu bedienen. Bleibt alles, wie bisher, ist die Haideralm zum Sterben verurteilt. Wie Maseben. Die Gemeinde Graun würde gleich zwei Skigebiete auf einen Schlag und damit zwei Attraktionen verlieren. Das wäre genau das Gegenteil vom Wunsch bei Touristikern und Wirtschaftstreibenden, die sich einen Schub im Oberland, auch im Obervinschgau, wünschen. Einen nachhaltigen Schub.

Schub
„Es wäre vernünftig, gemeinsame Sache zu machen“, sagt Larcher. Langfristig müsse man schauen, dass man die Betten nicht nur für drei Monate füllt. Larcher bringt das Beispiel der Kaunertaler Gletscherbahnen. Im Jahr 2000 stand man kurz vor dem Konkurs. Der Einstieg der Pitztaler Gruppe, mit Hans Rubatscher an der Spitze, der übrigens auch in Graun zugegen war,  hat den drohenden Konkurs abwenden können und einen Umkehrschub ins Kaunertal gebracht. „Derzeit sind wir gut aufgestellt“, sagt Larcher. Mit rund 9 Millionen Umsatz (die Kaunertaler Gletscherbahnen GmbH, die zwei Skigebiete betreibt: den Kaunertaler Gletscher und die Bergbahnen Fendels), einem Bettenangebot von 1500 im Kaunertal und 300.000 Nächtigungen werden im Kaunertal Arbeitsplätze sichergestellt. Larcher teilt seine Saison in drei Jahreszeiten ein: ein Drittel des Umsatzes werden vom 1. September bis Weihnachten gemacht, 40 Prozent von Weihnachten bis Ostern und ein Drittel vom Weißen Sonntag bis 30. August.
Man dürfe nicht nur den Winter sehen, sagt Larcher, auch im Wanderbereich wäre der Zusammenschluss mit Langtaufers „eine gewaltige Sache“.
Von einer Saisonverlängerung nach hinten und nach vorne spricht auch Klöckner. Die Vision ist die, dass aufgrund dieses neuen Angebotes neue Gästeschichten angesprochen werden könnten, und zwar rund um den Reschenpass, von Nauders bis in die Gemeinde Mals.

Vorsicht
„Das muss man prüfen“, sagt der Grauner BM Heinrich Noggler. Noggler warnt vor Schnellschüssen und er will sich zuerst mit den Skigebieten, mit Schöneben und mit der Haideralm, absprechen. Auch die Langtauferer müssten befragt werden. Noggler stemmt sich nicht grundsätzlich gegen eine Verbindung mit dem Kaunertal. Allerdings seien noch viele Fragen offen. Ob sich die Gemeinde finanziell beteiligen muss etwa. Hansi Klöckner hat der Gemeinde gegenüber schriftlich versichert, dass die Gemeinde keinen Cent ausgeben müsse. Oder die Frage, ob die Verbindung mit dem Kaunertal mehr Konkurrenz zu den bestehenden Skigebieten in den Wintermonaten bringen wird. „Da sind noch viele Dinge zu klären“, sagt Noggler vorsichtig.
Trotzdem: Die Zeit drängt. Ein kurzes Fenster für Abänderungen des Fachplanes für Skipisten und Aufstiegsanlagen  ist derzeit offen. Möglich wird die Eintragung der Verbindung zum Kaunertal wohl nur als Erweiterung des Skigebietes Maseben. Bis zum 14. September 2012 können Gemeinden Stellung nehmen, in Form eines Schreibens des Bürgermeisters, oder mit einem Ausschuss- oder mit einem Gemeinderatsbeschluss. „‚Informelle‘ Beteiligung der Gemeinden im Rahmen der Abgrenzung der Skizonen“ hat das die Abteilung 27 Raumentwicklung bei der Vorstellung der Vorgangsweise für die Erstellung des neuen „Skiplanes“ am 30. Mai 2012 für Gemeinden und Liftgesellschaften  genannt.
Wird eine vernünftige Lösung angeboten, sagt Klöckner, habe LH Luis Durnwalder Unterstützung zugesagt. Auch Larcher bestätigt dies. Die Zeit drängt doppelt: LH Luis Durnwalder ist möglicherweise nicht mehr lange LH. Und mit dem Abgang des LH gehen möglicherweise auch Versprechungen den Bach runter.

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