Dienstag, 13 November 2018 12:00

„Wir müssen als Europäer denken“

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s11 8261Mals/Vinschgau/Südtirol

Vinschgerwind: Sie haben die internationalen interalpinen Umwelttage in Mals mitorganisiert. Das große Thema war der Klimawandel. Was sagen die Techniker?
Walter Gostner: Klimawandel ist meiner Meinung nach eines der Themen, aber nicht das einzige.

Jeder, der im Bereich erneuerbarer Energie arbeitet, ist mit oder ohne Klimawandel davon überzeugt, dass die Energieversorgung mit erneuerbaren Energien erfolgen soll, weil diese Energieformen nachhaltig sind und längerfristig auch die Ressourcen schonen können. Der Klimawandel hilft uns, dass wir in diesem Bereich tätig sein können. Auch weil der Klimawandel in der Politik und in der öffentlichen Meinung stark wahrgenommen wird, werden Gelder locker gemacht, so dass die erneuerbaren Energiequellen stärker ausgebaut werden können.
Vinschgerwind: In Deutschland wurde bereits die Energiewende eingeleitet. Bei der Tagung wurde von LR Richard Theiner eine sozialverträgliche Energiewende angemahnt. Was ist damit gemeint?
Walter Gostner: Was Theiner damit gemeint haben könnte, ist, dass die Energieversorgung nicht zu Lasten bestimmter Bevölkerungsgruppen, nicht zu Lasten von Generationen oder von geografischen Gebieten sein soll.
Vinschgerwind: Referenten aus dem deutschsprachigen Raum haben bei den Umwelttagen über Lösungsansätze diskutiert. Südtirol erzeugt mehr Strom als im Lande verbraucht wird. Trotzdem wird viel fossile Energie dazugekauft.
Walter Gostner: Der Ansatz ist unzureichend. Wir Südtiroler stellen 0,006 Prozent der Weltbevölkerung dar. Mit unseren 500.000 Einwohnern sind wir ein Vorort von Mailand. Weil wir in den Bergen leben, ist es ein Leichtes, mehr Strom zu erzeugen als wir brauchen. Wir haben ja auch keine Schwerindustrie, die Unmengen von Strom verbraucht. Es ist zwar richtig, lokal nach Lösungsansätzen zu suchen und diese auch in die Praxis umzusetzen, dennoch gehört für mich die Energiepolitik niemals auf eine Provinz beschränkt. Sie ist ein globales Problem. Dass wir mehr Strom produzieren als verbrauchen, dient in erster Linie unserer Nabelschau und oft als Argument, weitere Projekte zur Erschließung erneuerbarer Energiepotenziale zu verhindern.
Vinschgerwind: Jeder Lokalpolitiker macht das so...
Walter Gostner: ...Energiepolitik kann nicht bei den Landesgrenzen aufhören. Wir verbrauchen ja auch eine Unmenge an „grauer Energie“, Energie also, die für die Herstellung von all den Luxusgütern, die wir einkaufen, außerhalb von Südtirol verwendet wird,. Solche Dinge werden in der öffentlichen Diskussion meist außen vor gelassen. Das Argument, dass wir eh schon jede Menge Energie erzeugen, ist der zukünftig notwendigen Entwicklung nicht förderlich.
Vinschgerwind: Das Dilemma ist global und betrifft deshalb auch Südtirol. Das Dilemma ist, dass viel elektrische Energie erzeugt, aber auch viel fossile Energie, z.B. Treibstoffe, Heizöl usw. dazugekauft wird. Wie kann man diesen Widerspruch lösen?
Walter Gostner: Energie ist ja nicht nur Strom. Es gibt drei große Energieverbrauche: Strom, Mobilität und Wärmeerzeugung. Europa erzeugt etwa 30 Prozent des Strombedarfes aus erneuerbaren Energiequellen. Der Strombedarf und die Mobilität machen jeweils etwa ein Viertel des gesamten Energiebedarfes aus. Der größte Energiebedarf mit rund 50 Prozent benötigt das Heizen und das Kühlen. Das Konzept beim Verkehr, das ist schon klar, ist die Elektromobilität. Wenn man aber ein Elektroauto mit Strom, der aus fossilen Quellen hergestellt wird, betankt, hat man für die Umwelt gar nichts getan. Die Ökobilanz ist dabei schlechter als die eines alten Diesels.
Vinschgerwind: Das meinen Sie jetzt nicht wirklich.
Walter Gostner: Das ist so. Die Ökobilanz eines Elektroautos wird nur dann gut, wenn es im Laufe seiner Betriebsdauer ausschließlich mit Strom aus erneuerbaren Energiequellen betankt wird. Mit Fossilem oder mit Atomstrom ist die Ökobilanz schlechter als bei einem herkömmlichen Auto, denn der Großteil des Energieverbrauchs bei einem PKW wird bei dessen Produktion in Anspruch genommen. Es ist nur dann in Ordnung, auf Elektromobilität umzusteigen, wenn die Möglichkeit besteht, die erneuerbaren Stromerzeuger weiter intensiv auszubauen. Wenn heute der Alpenraum aufgrund der stetig zunehmenden Tourismusströme zu einem Autoraum geworden ist, wie es von Ing. Theiner in seinem Vortrag treffend ausgedrückt worden ist, wird klar, dass es beim Verkehr smarte Lösungen braucht, um den Energieverbrauch insgesamt zu reduzieren.
Vinschgerwind: Wie bekommt man die Erzeugung von Wärme in den Griff?
Walter Gostner: Wolfram Sparber hat in seinem Vortrag aufgezeigt, dass vor allem bei der energetischen Sanierung bzw. bei der Steigerung der Energieeffizienz von Häusern das größte Potenzial vorhanden ist. Ohne eine ressourcen- und CO2-neutrale Elektromobilität ist aber eine Erreichung des Ziels eines maximalen Energieausstoßes von 1,5 Tonnen CO2 pro Bürger nicht möglich.
Vinschgerwind: Sie sind ein Verfechter der Energie aus Wasserkraft. Das haben Sie in Ihrem Vortrag erläutert. Die Alpen haben natürliche Wassergefälle. Wird es so sein, dass die Alpen als Stromerzeuger aus Wasserkraft für Europa dienen werden?
Walter Gostner: Das werden wir nicht schaffen. Wir haben noch Potenziale, die wir aufgrund diverser Gesetzgebungen nicht ausnutzen dürfen. Die Behörden und große Teile der Politik sind mittlerweile sehr wasserkraftskeptisch.
Vinschgerwind: Die Stromerzeugung im Alpenraum ist, das haben Sie in Ihrem Vortrag gesagt, auch ein lokales Produkt mit sehr viel Wertschöpfung für die Region.
Walter Gostner: Momentan ist es nicht mehr möglich, diese lokale Wertschöpfung zu generieren. Lokal gibt es einige wenige Projekte, die noch umgesetzt werden können. Sehr viele Projekte bei uns sind seit Erlass des Beschlusses Nr. 834 zu den sensiblen Gewässern abgelehnt worden. Abgelehnt oft auch mit der Begründung, dass wir „schon genug haben“. Dass ein Wasserkraftwerk eine erneuerbare Energie darstellt und ein Wasserkraftwerk lokale Wertschöpfung generiert, spielt in den Genehmigungsverfahren eine untergeordnete Rolle. Nehmen wir das Rambachwerk: Der Bau der Anlage wird über 10 Millionen Euro kosten. Wenn der Großteil der Arbeiten von lokalen Firmen gemacht wird, hilft das während der Bauarbeiten wichtige Arbeitsplätze in der Peripherie zu erhalten. Ist das Kraftwerk im Betrieb, werden die beteiligten öffentlichen Körperschaften mit den Erlösen auch etwas bewegen können, wie es Bürgermeister Veith in seinen Grußworten nachdrücklich dargelegt hat.
Vinschgerwind: Bleiben wir beim Rambachwerk. Es sind derzeit keine Förderungen vorgesehen. Zahlt sich da der Bau aus?
Walter Gostner: Auf lange Sicht zahlt sich das immer aus. Was oft vergessen wird: Es wird Wertschöpfung vor Ort generiert, und es wird eine mit rund 22 Millionen Kilowattstunden zusätzliche erneuerbar Energiequelle geschaffen. Schaut man sich die in den letzten Jahren gebauten Kraftwerke in der Gemeinde Mals an, dann generieren diese sehr viel an Wertschöpfung.
Vinschgerwind: Wenn wir schon vor Ort Strom aus Wasserkraft erzeugen, ist es dann nicht naheliegend, dass wir auf Elektromobilität umstellen?
Walter Gostner: Das passt schon. Aber was tun die Leute in Ballungszentren, die keine Möglichkeit haben, Wasserkraftwerke zu errichten oder massiv Energie aus anderen regenerativen Energiequellen zu erzeugen? Als Europäer dürfen wir daher nicht sagen, dass wir für unser kleines Südtirol schon genug Strom erzeugen. Nochmals: Ich bin der Meinung, dass man Energiefragen nicht in einer Provinz wird lösen können.
Vinschgerwind: Was war bei diesen Energietagen für Sie das Bemerkenswerteste?
Walter Gostner: Wir haben die Energietage auf Initiative von Rechtsanwältin Bettina Geisseler, Martin Schletterer von der TIWAG und Florian Eichinger von Hydroisotop gemeinsam mit dem Kompetenzzentrum IBI und unter der Schirmherrschaft des Südtiroler Energieverbandes organisiert. Wir konnten in kurzer Zeit eine hochkarätige Tagung auf die Beine stellen. Wir haben interessierte Leute und Experten nach Mals gebracht, die die Tagung und die Umgebung gelobt haben. Die Vorträge waren interessant und es tut sich einiges. Aus meiner Sicht als Wasserbauer: Die Wasserkraft hat es schon lange vor den Diskussionen um erneuerbare Energie gegeben. Bis etwa 1950 hat Italien - im Übrigen viele andere Länder auch - seinen Strombedarf fast vollständig aus Wasserkraft gedeckt. Mit dem Steigen des Energiebedarfs sind andere Energiequellen, vor allem die fossilen und die Kernkraft, dazugekommen. In neuer Zeit haben sich Windkraft und Photovoltaik etablieren können. Die massiven Förderungen dieser Energiequellen haben zur Entwicklung beigetragen. Aber man darf nicht vergessen, dass auch durch die Förderungen der Strompreis massiv gefallen ist, so dass die Wasserkraft bei ihrer Wirtschaftlichkeit große Probleme bekommen hat. In Zukunft werden aber alle erneuerbaren Energien weiter ausgebaut werden müssen, um ihren Beitrag zur Eindämmung des Klimawandels leisten zu können.
Interview: Erwin Bernhart

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