Dienstag, 17 Februar 2015 00:00

Graun, Josefitag 1945 von Paul Preims - Göflan, 11. April 1945 von Hans Wielander

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flugzeugGraun, Josefitag 1945

von Paul Preims

Leopold Messmer, 86, gebürtiger Grauner, erzählt von der Grauner Tragödie des 19. März 1945 – von den 6 Toten. Einer von ihnen war sein 8-jähriger Bruder Erwin.
Silvesternacht 2014/15, draussen dröhnen und rattern die Feuerwerkraketen, gespenstisch wie Kriegsdonner. In solchem Getöse ist vor 100 Jahren die grosse Katastrophe des 20.Jahrhunderts über die Völker hereingebrochen, der „30-jährige Krieg“, ein Machtwettlauf in säbelrasselnder Verblendung, an dessen Ende Leopold Messmers kleiner Bruder einer von über 70.000.000 Toten war.


Kurz vor Kriegsende, im Februar 1945, liegt auf den Tschoggnerwiesen, heute unter Wasser, noch eineinhalb Meter Schnee. Dort muss ein alliiertes Kampfflugzeug –auf der Flucht in die nahe Schweiz?- notlanden. Die Besatzung wird von der deutschen Wehrmacht abgeführt, die Maschine bleibt liegen und zieht täglich Schaulustige an. Vielleicht liess sich Brauchbares abmontieren, Benzin abzapfen o.ä.  
So drei Wochen lang bis zum 19. März. An diesem Josefi-Nachmittag kommen die Grauner in die nahe Kirche, einige gehen noch zum Flugzeug, da donnert plötzlich eine Staffel alliierter Kampfmaschinen über das Gelände, dreht ab, kommt im Tiefflug aus dem Langtauferer Tal wieder und eröffnet das Feuer auf das Wrack und auf die ahnungslosen Umstehenden, unter denen ohne Zweifel auch Kinder auszumachen waren.
Erwin Messmer stirbt nach vier Tagen im Meraner Krankenhaus, mit Bombensplittern im Unterleib, die Tschoggnerbuben Erich und Ferdinand Stecher, 2 und 8 Jahre, sind verletzt (beide leben noch und erinnern sich an alle Einzelheiten), ihre zwei Brüder Albert und Hermann, 7 und 4 Jahre, sind sofort tot, so auch der auf Fronturlaub anwesende Gerhart Steiner, 20 Jahre, ferner der Schmied Eugen Blaas, 44 Jahre, aus Langtaufers, und Alois Madein, 34 Jahre, aus Schleis.
Ein Angriff aus Vergeltung, oder sollte die Maschine samt Papieren in Rauch aufgehen? Oder einfach nur aus Übermut?, lag doch das 3.Reich schon längst in Schutt und Asche!So trafen das kleine Dorf besonders schwere Schicksalsschläge: nach den Gefallenen beider Kriege und der grossen Not, nach der erzwungenen Wahl zwischen zwei Ungeheuern, Mussolini und Hitler, kommt nun am 19.März, im Tiefflug, auch noch die Front nach Graun.
Und schliesslich wird den 600 Menschen noch der Erdboden unter den Füssen weggezogen, das ganze Dorf im Stausee ertränkt: 400 Hektar Felder, über 100 Gebäude, Kirche und Friedhof. Nur der Kirchturm ragt noch, zum Trotz, aus dem Wasser.
Der sinnlose Tod Unschuldiger, das sind Einzelschicksale, die wir noch nachempfinden können, hingegen sind uns die 70 Millionen Kriegstoten und die täglich aus aller Welt gemeldeten Tragödien weit weg, haben kaum Sensationswert, sind nicht vorstellbar, inflationäre Zahlen. 70.000.000 auch nur abzuzählen bräuchte man 7 Jahre!
Kann uns das neue Jahrhundert vor neuen Weltkatastrophen bewahren? Wohl nicht. Selbst die Mächtigen müssen zusehen, wie das Weltgeschehen in fataler Eigendynamik dahintreibt, und niemand kann und mag sich vorstellen, wohin die sich verselbständigende Technik führt, oder was uns am Ende erwartet, wenn die Massen weiter verarmen, arbeitslos und „schliesslich überflüssig“ werden.

Göflan, 11. April 1945

von Hans Wielander

Vor 70 Jahren - am 21. April 1945 - stürzte um 11 Uhr vormittag ein viermotoriger amerikanischer Bomber am Ortseingang von Göflan in einen Acker. Wahrscheinlich wollten die Amerikaner die neutrale Schweiz erreichen. Mit abgeschalteten Motoren flog der Koloss im Gleitflug knapp an der Ortschaft vorbei. Bomben trug das Flugzeug keine mehr, wohl aber Munition für schwere Bordwaffen. Die beiden noch darin befindlichen Mitglieder der Besatzung wurden zwar verwundet, blieben aber am Leben. Die Bruchpiloten wurden ins Krankenhaus nach Meran gebracht, wo einer von den beiden, der Schwererletzte, bald verstarb.
Die gesamte Besatzung bestand ursprünglich aus 8 Personen, der Rest ist wahrscheinlich schon früher abgesprungen. Über ihr Schicksal wurde nichts bekannt.
Der linke Flügel des notlandenden Flugzeuges verfing sich im Gebälk des Koflerhauses. Dadurch drehte sich der Riesenvogel und bohrte sich schraubend in die lockere Erde des Ackers vom Moarhofer Franz. Die riesige Staubwolke lockte an diesem Apriltag viele Schaulustige nach Göflan und schon bald kam auch Hilfe. Dr. Josef Schgör hat die Verwundeten verbunden, gedolmetscht hat Hans Dietl; Frau Isabella Dietl vom nahen Gasthaus brachte Wasser und Wein ... eifrige nationalsozialistische Funktionäre aber hinderten sie daran, es den WacheGefangenen anzubieten.
Grün gefärbtes Benzin floss aus dem halbzerstörten Flugriesen, sickerte in den Boden. Schon bald begann man, das Ungetüm wie ein erlegtes Tier auszuweiden. Aus den Gummischläuchen erwuchsen „Surpanzen“, aus den Aluminiumrohren entstanden Träger für Balkone. Das Benzin brauchte man für Feuerzeuge, die vielen Gummiteile für Schuhsohlen. Die Aluminiumstreifen zur abwehrenden Funkstörung dienten noch Jahre nachher als Lametta für den Weihnachtsbaum. Es gab Kugellager, viel Elektronik, ganz neuartige Schrauben, eine Menge Werkstoffe, die bislang unbekannt waren. Dieses Ereignis leitete auf dem Lande ein neues, technisches Zeitalter ein.
Der Reiter Richard, ein geschickter Techniker, besorgte sich das Radiosendegerät aus dem Flugzeug - für einige Monate konnten im Raum Schlanders seine Programme gehört werden. Der Name dieses ersten Vinschgauer Senders: Radio Stilfser Joch.

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