Dienstag, 04 August 2020 16:09

1200 Masten im Herbst 2021

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STA-Direktor Joachim Dejaco: „Das Image der Bahn ist mit dem Leuchtturmprojekt Vinschgerbahn in Südtirol umgedreht und sehr positiv besetzt worden.“ STA-Direktor Joachim Dejaco: „Das Image der Bahn ist mit dem Leuchtturmprojekt Vinschgerbahn in Südtirol umgedreht und sehr positiv besetzt worden.“

Vinschgau - Joachim Dejaco ist der Direktor der Südtiroler Transportstrukturen AG (STA). Die STA ist der Bauherr für die Elektrifizierung der Vinschgerbahn. Nicht nur: Die STA ist auch für das Land Südtirol und für die Gemeinden beratend tätig - in Richtung nachhaltige Mobilität.

Vinschgerwind: Herr Dejaco, wir gehen davon aus, dass trotz Covid 19 die Planungen für die Elektrifizierung der Vinschgerbahn vorangetrieben worden sind. Wann wird der erste Pfahl für die Oberleitung stehen?
Joachim Dejaco: Wenn alles normal geht, werden wir im Ende kommenden Jahres die Baustelle aufmachen.

Vinschgerwind: Kann es sein, dass die Elektrifizierung für die Vinschgerbahn zurückstehen muss, weil Geldmittel für Olympia 2026 ins Pustertal fließen sollen?
Joachim Dejaco: Nein, absolut nicht. Die Elektrifizierung der Vinschgerbahn ist von Anfang an voll finanziert. Alle Dekrete dafür sind ordnungsgemäß gebucht. Laut heutigem Stand sind wir innerhalb des vorgegebenen Budgets. Für Olympia 2026 sind Landeshauptmann und Landesrat intensiv dahinter, zusätzliche Mittelauf unsere Südtiroler Mühlen zu kehren. Das hat mit der Vinschgerbahn gar nichts zu tun. Gehen tatsächlich solche Gerüchte herum?

Vinschgerwind: Das tun sie. Sie haben soeben die Gerüchte aus dem Weg geräumt. Ist die STA mit ihren Baustellen in dem Zeitplan drinnen, den ihr euch vor Jahren gegeben habt?
Joachim Dejaco: Definitiv nicht. Das gesamte Projekt ist wesentlich komplexer, als wir es anfangs eingeschätzt hatten. Wir waren am Anfang wohl zu optimistisch. Aber Gut Ding braucht Weile und wenn es am Ende gut wird, haben sich Verzögerungen ausgezahlt und alle werden zufrieden sein.

Vinschgerwind: Der Optimismus ist wohl vor allem Ihrem Naturell geschuldet.
Joachim Dejaco: Absolut. Ich habe mein Handwerk bei Helmuth Moroder gelernt und der hat seinerzeit die Vinschgerbahn innerhalb von 5 Jahren von Null auf 100 gebracht. Vieleicht waren es damals andere Zeiten. Es war administrativ Vieles einfacher, technologisch vielleicht auch. Jetzt sind eben andere Zeiten,aber wir bleiben trotzdem guter Dinge.

Vinschgerwind: Es ist auf der anderen Seite einiges gemacht worden: Die Verlängerung der Bahnsteige zum Beispiel, oder die Verlängerung der Remise in Mals....
Joachim Dejaco: Bahnsteige: erledigt. Remise Mals: erledigt. Der Ausbau zwischen Schlanders und Laas: erledigt. Die neuen Züge sind bestellt und sie werden gerade in Hennigsdorf bei Berlin gebaut. Wir sind derzeit dabei, die Genehmigungen für die großen Arbeiten einzuholen.

Vinschgerwind: Die da sind?
Joachim Dejaco: Diese 1200 Masten...

Vinschgerwind: Für die künftige Stromversorgung der Züge ist das Umspannwerk in Latsch bzw. Goldrain Voraussetzung. Ist das Umspannwerk pronto?
Joachim Dejaco: Das ist kurz vor der Fertigstellung. Da hat es eine tolle Zusammenarbeit zwischen Edyna, den Gemeinden Latsch und Schlanders und der STA. Gebaut wird es unter der Regie von Edyna. Als STA haben wir unsere eigene Strom-Kabine für die Versorgung der Züge mit Strom. Ein tolles Projekt. Das ist ein Baustein, den die Bürgerinnen und Bürger nicht so sehen, weil das Umspannwerk etwas versteckt in den Wiesen liegt. Aber ein wichtiger und komplexer Baustein.

Vinschgerwind: Eine technologische Herausforderung?
Joachim Dejaco: Von der Technologie her ist es keine Hexerei. Es ist ein Umspannwerk, welches den Strom von Hochspannung auf unsere 25 Kilovolt transformiert. Zugegeben: Wir waren aber sehr froh, dass uns jemand anderes diese Aufgabe abgenommen hat. Bei Edyna sind die Experten in der Stromversorgung.

Vinschgerwind: Kann man die Behauptung aufstellen, dass die Vinschgerbahn in Zukunft mit Vinschger Strom fahren wird?
Joachim Dejaco: Für die Stromlieferung haben wir noch keine Verträge. Ich glaube, dass die wenigsten Leute wissen, woher der Strom für ihr Licht kommt. Woher der Strom kommt, hängt im Wesentlichen vom Tarif ab. Bei hohem Tarif ist es Strom aus Wasserkraft, bei einem niederen Tarif ist wohl auch Strom aus Atomkraftwerken aus Frankreich drinnen. Unsere Aufgabe wird es sein, lokalen Strom zu verwenden. Wir brauchen netto 6,5 Gigawattstunden im Jahr. Die Züge brauchen 9 Gigawattstunden, 2,5 Gigawattstunden werden rekuperiert und wieder ins Netz eingespeist. Die Züge, die herunterfahren, also vor allem von der Töll nach Meran, müssen bremsen und produzieren damit gleichzeitig Strom. Der Zug ist also ein kleines Kraftwerk. Diese 6,5 Gigawattstunden werden wir ausschreiben. Und da werden wir schauen, dass wir möglichst grünen Strom verwenden.

Vinschgerwind: Kann man sich diesen Strom so zertifizieren lassen, dass garantiert wird, dass es grüner Strom ist?
Joachim Dejaco: Darüber haben wir, ehrlich gesagt, noch nicht nachgedacht. Aber in einem Land wie Südtirol mit den großen Wasserkraftwerken und das sich eine Nachhaltigkeitsvision gegeben hat - Südtirol will bis 2050 CO2-neutral sein - ist es ein Muss, nachhaltigen Strom zu nutzen.

Vinschgerwind: Ein anderes Thema: Kürzlich gab es eine Videokonferenz der Landeshauptleute von Südtirol Arno Kompatscher, von Nordtirol Günther Platter und von der Lombardei Attilio Fontana und vom Vizepräsidenten des Kantons Graubünden Marion Cavigelli. Es ging vor allem um die Verbindung Mals-Scuol.
Joachim Dejaco: Ich war bei der Videokonferenz nicht dabei und es gibt auch keine offizielle Medienmitteilung. Man redet sich zusammen, um das rhätische Dreieck verkehrstechnisch gemeinsam zu erschließen. Aber das wird noch ein langer Weg sein. Es ist sicher wichtig und richtig, dass diese vier Regionen jetzt an einem Tisch sitzen und ausloten, wie man in eine gemeinsame Richtung marschieren will.

Vinschgerwind: Was ist Ihre Meinung: Gelingt das auf politischer Ebene? Es ist ja seit längerem Wunsch der Landesregierung und auch von STA, die Zuglinie von Mals nach Scuol zu verlängern. Ist es die nächste Vision, dass die ÖBB von Landeck über Martina nach Scuol kommt?
Joachim Dejaco: Als Vision wär’ das super. Dann haben wir mit Bormio den nächsten Partner dabei - was aber nicht genügt. Denn wenn schon, muss eine Linie nach Tirano mit Anschluss nach Mailand vorhanden sein. Dann wäre der Lückenschluss perfekt. Als Vision muss das verfolgt werden. Der Landeshauptmann ist ja seit Jahren für den Anschluss nach Graubünden. Mit Bormio gibt es das Abkommen, in dem die Südtiroler Seite ganz klar sagt, dass nur eine Eisenbahnverbindung nach Bormio in Frage kommt - keine Autoverbindung und kein Autoverlad. Wenn sich alle vier betreffenden Landeshauptleute der Sache annehmen, dann wird die Vision Schwung bekommen.

Vinschgerwind: Welche Vorbereitungen trifft man für eine solche Verbindung auf der Verwaltungsebene, auf der Ebene der STA?
Joachim Dejaco: Wir sind die Techniker, die den Fahrplan, also wann man wo mit dem Zug ankommen soll, erarbeiten. Damit unterstützen wir die politischen Entscheidungsträger. Die Studie in die Schweiz, also nach Scuol, und auch die Studie nach Bormio stehen.

Vinschgerwind: Von den großen Visionen zur Realität: Es kommt immer wieder vor, dass der Anschluss in Meran in Richtung Vinschgau nicht funktioniert. Wie das?
Joachim Dejaco: In Richtung Vinschgau gibt es ganz wenige Anschlussbrüche, in Richtung Bozen etwas mehr. Der Grund ist, dass RFI in Meran nicht auf den Vinschgerzug wartet. Die Züge, die von Meran starten fahren bis zum Brenner, deshalb ist RFI in den Abfahrtszeiten starr. Die Vinschgerbahn ist flexibler: Wir warten beim letzten Zug am Abend auch bis zu 20 Minuten. Es kann allerdings vorkommen, dass wir 3 bis 4 Minuten warten und der Zug von Bozen hat 7 Minuten Verspätung. Auf der Straße, mit Verlaub, wartet man oft länger im Stau. Beim öffentlichen Nahverkehr wird mit dem Finger gezeigt.

Vinschgerwind: Die Südtiroler Transportstrukturen AG hat beim Ankauf von strategisch wichtigen Grundstücken gegenüber SAD-Chef Ingomar Gatterer den Kürzeren gezogen. Zum Beispiel hat Gatterer ein an das Bahnhofsareal angrenzendes Grundstück gekauft. Ärgert Sie das?
Joachim Dejaco: STA und SAD sind zwei völlig unterschiedliche Dinge und sie sind auch keine Konkurrenten. SAD macht als Verkehrsunternehmen Bus- und Bahndienste, und STA ist ein öffentliches Unternehmen im Besitz des Landes, welches eisenbahntechnische und informatische Dienstleistungen bietet und Ideen, Studien und Konzepte für nachhaltige Mobilität entwickelt. Zum konkreten Fall in Mals: STA hat gemeinsam mit der Gemeinde Mals einen Masterplan für das Bahnhofsareal entwickelt. Alles, was die Mobilität betrifft, funktioniert auf dem Areal, so wie es ist. Für eine Weiterentwicklung wäre das Grundstück sicher geschickt. Ein Privater hat da sowohl vom Finanziellen her, als auch vom Agieren andere Möglichkeiten. Öffentliche Gelder müssen korrekt ausgegeben werden und der Preis für ein Grundstück ist der Schätzpreis vom Landesschätzamt. Da gibt es keinen Verhandlungsspielraum. Ein Privater kann anders verhandeln.

Vinschgerwind: Wie beurteilen Sie den Umstand, dass die Gemeinden künftig bei Ausweisungen von Wohnbauzonen einen Verkehrsplan ausarbeiten und mitliefern sollen?
Joachim Dejaco: Die Mobilität ist in das Regelwerk der neuen Raumordnung miteingeflossen. Bei einer neuen Wohnbauzone muss die Gemeinde die Mobilität, insbesondere die nachhaltige Mobilität, mitdenken. Das ist eine wichtige Botschaft. Ich beobachte, dass viele Südtiroler Gemeinden eine große Sensibilität in diese Richtung entwickeln. Eine spannende Geschichte. Die Raumordnung ist die Basis für eine vernünftige Entwicklung nachhaltiger Mobilität.

Vinschgerwind: Ist STA, welche ein starres Schienensystem betreut, den Gemeinden mit Beratungen behilflich?
Joachim Dejaco: Wir machen Sensibilisierungs- und Aufklärungsarbeit, um das Bewusstsein bei den Entscheidungsträgern vor Ort zu schaffen. Das machen auch Bezirksgemeinschaften. Wir haben einen Leitfaden für Radwege, Radabstellanlagen in Vorbereitung. An und für sich einfache Dinge, wenn man weiß, wie’s geht, aber für Gemeindereferenten durchaus hilfreich. Zurück zur Starrheit der Eisenbahn: Es ist hilfreich, ein „Transit oriented Design“ anzuwenden. Das heißt, dass Ortsentwicklungen an den Mobilitätsinfrastrukturen ausgerichtet werden. Ein Beispiel: Dienste, die ortsübergreifend sind, eine Musikschule, ein Gesundheitssprengel, eine Bibliothek etc., die an einem Bahnhof angesiedelt sind, sind leichter erreichbar. Es gab eine Zeit, in der der Bahnhof der Ort schlechthin war. Es hat eine Zeit gegeben, in der Bahnhöfe gemieden worden sind. Derzeit ist der Trend wieder in Richtung Bahnhof. Das Image der Bahn ist mit dem Leuchtturmprojekt Vinschgerbahn in Südtirol umgedreht und sehr positiv besetzt worden.
Interview: Erwin Bernhart

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