Zum Hauptinhalt springen

Den Tätern Macht nehmen

  • Vorspann: Schlanders/Vinschgau - 31 Frauen aus dem Vinschgau haben im Rahmen der Studie „Traces“ ihre Geschichten über sexualisierte Gewalt erzählt. Die Studienergebnisse und konkrete Schritte hin zu Prävention und Netzwerke und Dienste wurden kürzlich in der Basis eindrucksvoll vorgestellt.
  • Dachzeile: Titel
  • Redakteur: Erwin Bernhart
  • Redakteur Bild:
  • Weitere Fotos - 1: Ingrid Kapeller und Corinne Bertoncini stellen das Booklet „Sexualisierte Gewalt - Verstehen und handeln“ vor
  • Weitere Fotos - 2: Das Forum Prävention um Christa Ladurner, medica mondiale um Monika Hauser, das Frauenmuseum Meran um Sissi Prader und das Antigewaltnetzwerk Vinschgau ViA! tragen dazu bei, dass Präventionmaßnahmen gegen sexualisierte Gewalt eingesetzt, dass Anlaufstellen bereitgestellt und dass  Aufklärung stattfinden kann.

Eindrucksvoll und wortgewaltig hat Monika Hauser in der Basis in Schlanders die Umgebung, in der sexualisierte Gewalt möglich ist, geschildert. Ihre eigene Geschichte habe auch mit sexualisierter Gewalt zu tun. Denn die Erzählungen ihrer Großmutter in Laas haben sie geprägt. Ein kleiner Ausschnitt aus Hausers Rede: „Sexualisierte Gewalt ist kein individuelles Schicksal, keine tragische Ausnahme, kein moralisches Versagen einzelner Männer. Sie ist ein Werkzeug patriarchaler Machterhaltung, indem Gewalt gegen Frauen und Mädchen und Jungs sowohl im Alltag als auch in Kriegszeiten als Mittel zur Disziplinierung, zur Kontrolle und zur Herabwürdigung eingesetzt worden ist und bis heute eingesetzt wird. Diese Gewalt ist systemisch, sie ist global und lokal verankert. (...).“ Hauser nahm Bezug auf die von der Universität Trient erstellte Studie „Traces“, in der 31 Frauen aus dem Vinschgau in Interviews über ihre erlittene sexualisierte Gewalt, über Traumata und über Generationen ererbte Verhaltensweisen gesprochen haben. Der Vinschgau sei als Beispiel für alle anderen Gegenden Südtirols und darüber hinaus zu verstehen. Als junge Ärztin sei Monika Hauser im Krankenhaus Schlanders Frauenfeindlichkeiten begegnet, die damals und teilweise heute noch stellvertretend für gesellschaftliche und vor allem patriarchale Strukturen stehen. So habe der damalige Primar den Eltern sein Beileid über die Geburt eines Mädchens ausgedrückt. Oder - ein Mann habe die dringend notwendige Operation seiner eigenen Frau verschieben lassen, weil er sie den Sommer über als Arbeitskraft gebraucht habe. Vieles habe sich mittlerweile am Krankenhaus Schlanders zum Positiven geändert. Aber damals sei sie, indem sie Zustände angeprangert habe, ausgegrenzt worden. Sexualisierte Gewalt habe etwas mit der Verschwiegenheit im Dorf, mit dem Beschützen von Tätern, mit dem Eintrichtern der Sündhaftigkeit von Seiten der Kirche und den dazugehörigen Ritualen zu tun. Viele andere gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ermöglichten sexualisierte Gewalt. Die gute Nachricht sei, so Monika Hauser, dass Veränderungen auf vielen Ebenen notwendig und möglich sind.
Den Themenabend „Spuren sexualisierter Gewalt“ hat am 8. April 2026 Christa Ladurner vom Forum Prävention moderiert und gleich zu Beginn die Landesrätin Rosemarie Pamer aufs Podium gerufen. Pamer wies darauf hin, dass das Thema sexualisierte Gewalt als Querschnittsthema von verschiedenen Ämtern bearbeitet werde, vom Amt für Jugend, für Bildung und Weiterbildung, vom Amt für Soziales. Pamer forderte zu Sensibilisierung, zum Sichtbarmachen des Themas auf und das ohne Scham und ohne Scheu. Die Forschungsergebnisse sollen weitergetragen und Zuständigkeiten genau abgesteckt werden. Mit dem Antigewaltnetzwerk Vinschgau ViA!, eingebettet in der Bezirksgemeinschaft und mitgetragen von Gemeinden, Vereinen und Institutionen sei bereits ein Netzwerk vorhanden, an welchem weitergewebt werden solle.
Es waren dann Monika Hauser und Ingrid Kapeller vom Forum Prävention, die die Studienergebnisse detailliert vorgestellt haben, ein Kondensat aus Interviews mit 31 Frauen aus dem Vinschgau, aus drei Erinnerungsrunden mit 21 Frauen, aus Gesprächen mit Historikerinnen. Von einer „stillen Komplizenschaft“ bestehend aus dem Rechtssystem, aus Fachkräften und Diensten, aus dem Dorf und aus der Katholischen Kirche war die Rede. Innerhalb dieses gesellschaftlichen Biotops spiele sich sexualisierte Gewalt an Frauen ab. Unterschiedliche Schwerpunkte gab es bei unterschiedlichen Altersstrukturen. Allen Generationen von den Geburtsjahren 1919 bis 2000 gemeinsam sind Gefühle wie Schuld, Scham und Angst.
Was sich aber geändert hat, ist der Umgang bzw. die Umgangsformen der Frauen, die sexualisierte Gewalt erlitten haben: Die in der Studie so bezeichnete „Generation Helga“, also die Jahrgänge von 1919 bis 1949, haben unter anderem zu 85  % angegeben, sich in Spiritualität und Glaube ergeben zu haben. „Der Glaube, das regelmäßige Beten und das Besuchen der hl. Messe wird als stärkend und Kraft gebend beschrieben und ist auch mit dem Wunsch verknüpft, sich von Sünde (der traumatischen Erfahrung) reinzuwaschen“, so die Erklärung in der Studie. 67 % der Befragten haben mit „Schweigen und Verdrängen“ reagiert, Versuche, einen Strafantrag zu stellen haben 16 % angegeben. Eine Unterstützung durch Fachdienste hat es damals nicht gegeben.
Die „Generation Erika“ (Jahrgänge von 1950 bis 1980) ist anders umgegangen: 75 % haben bei Fachdiensten Unterstützung gesucht, 38 % haben sich in Spiritualität und Glauben geflüchtet, Schweigen und Verdrängen haben 82 % angeführt, 13 % haben versucht, Strafantrag zu stellen.
Bei der Generation der Geburtsjahre 1981 bis 2000 haben 88 % Unterstützung bei Fachdiensten gesucht, 67 % haben angegeben, darüber zu sprechen, 67 % haben Wehrhaftigkeit und Eigenständigkeit und auch das Brechen mit der Familie angegeben und 11 % haben sich in Spiritualität und Glauben geflüchtet.
Sexualisierte Gewalt und deren Folgen sind „extrem politisch“, also die öffentliche Sache betreffend, hat es Monika Hauser in ihrer Rede klar angesprochen und aus dem kleinen oben genannten Ausschnitt über den Umgang mit den Traumata wird dies ersichtlich.

Bei den Ergebnissen der Studie ist man nicht stehen geblieben. In Frauenmuseum in Meran ist eine Ausstellung mit dem Titel „Meine Oma, meine Mutter und ich - Spuren sexualisierter Gewalt in Südtirol“ zu sehen und mit einem vom Forum Prävention, von Ingrid Kapeller und Corinne Bertoncini erarbeiteten „Booklets“, einer Handreichung, werden Informationen direkt an Institutionen, an Vereine, an Interessierte und an Betroffene weitergegeben.
„Das neue Booklet „Sexualisierte Gewalt – Verstehen & handeln“ bietet einen klaren Überblick darüber, wie Gewalt erkannt, thematisiert und wie wertschätzend und bewusst gehandelt werden kann.“ Kapeller und Bertoncini haben das „Booklet“ in der Basis in Schlanders vorgestellt. Online können sämtliche Informationen, das Konzept und das Booklet unter www.forum-p.it heruntergeladen werden.
Lena Ortenzi vom territorialen Antigewaltnetzwerk Vinschgau ViA! und Sara Bagozzi dem Verein Frauen Gegen Gewalt Meran gaben abschließend einen Überblick über die Beratungsangebote für Frauen in Gewaltsituationen im Vinschgau.
Die Veranstaltung entstand aus dem Wunsch heraus, konkrete Werkzeuge im Umgang mit sexualisierter Gewalt bereitzustellen, die Ergebnisse der TRACES-Forschung zu teilen und einen Raum für Austausch zwischen Bürger:innen, Fachpersonal und lokalen Einrichtungen zu schaffen. Sie wurde vom Forum Prävention in Zusammenarbeit mit medica mondiale, dem Frauenmuseum Meran sowie dem Antigewaltnetzwerk ViA! organisiert und vom Land Südtirol sowie der Stiftung Südtiroler Sparkasse finanziert.
Mit der Aufbereitung der Studie „Traces“, mit dem konkreten Handlungslinien im Booklet und mit den Anlauf- und Beratungsstellen für Frauen in Not oder Gewaltsituationen verdichtet sich ein positives Netzwerk, welches Aufarbeitung und Schutz bieten kann.
Monika Hauser, die seit 30 Jahren das weltumspannende Frauennetzwerk medica mondiale führt, hat in ihrer Rede eindringlich aufgezeigt, was es noch braucht. Ein Appell ging in Richtung Politik mit der Aufforderung, dass es eine sofortige strukturelle Umsetzung (Netzwerke, Anlaufstellen usw.) und dafür eine verlässliche Budgetierung brauche. Auf gesellschaftlicher Ebene sei ein echter Wandel notwendig. Eine traumasensible Qualifizierung in bester Form sei auf allen Ebenen wichtig und notwendig: Auf der Ebene der Schule, der Ärzteschaft, der Polizei...

Die Adlernester

  • Vorspann: Bettenstopp? Erworbene Rechte? Spätestens mit dem lauten Andenken von Tourismuslandesrat Luis Walcher, die Frist für die Verbauung von Tourismuszonen um weitere 5 Jahre verlängern zu wollen, stehen Landesrat und Tourismus landesweit in der Kritik. Wie schaut es im Vinschgau aus?
  • Dachzeile: Titel
  • Redakteur: Erwin Bernhart
  • Redakteur Bild:
  • Weitere Fotos - 1: der Schnalser BM Peter Grüner
  • Weitere Fotos - 2: der Latscher BM Mauro Dalla Barba
  • Weitere Fotos - 3: der Marteller BM Georg Altstätter
  • Weitere Fotos - 4:  der Grauner BM Franz Prieth

Der Bettenstopp, nach langwierigen Verhandlungen vom damaligen Tourismuslandesrat Arnold Schuler vor vier Jahren durchgezogen, hat dem Tourismus gegenüber kritische Gemüter etwas beruhigt. Vor allem in touristischen Ballungszentren wie in Gröden, in der Meraner Gegend, im Pustertal auch, hat der Begriff Overtourism Einzug gehalten - ein Zuviel an Tourismus, ein Zuviel an Nächtigungen, was zur Folge hat, dass der Verkehrsanstieg als bedrohlich, dass die Preissteigerungen bei Wohnungen als existenzbedrohlich empfunden und beklagt werden, dass die Wanderwege, die Hütten am Berg regelrecht mit Touristen überflutet sind. Die Schattenseiten des Tourismus-Booms, die Bedrohung der Idylle werden in teuflischen Farben an die Wand gemalt. Die Landesregierung hat mit dem Bettenstopp diese Bedrohung zu zähmen versucht.
Sogar ein versteckter Drache wurde aufgescheucht - und mit einem Verfallsdatum belegt. Wenn ausgewiesene Tourismuszonen mit möglichen Betten nicht bis September 2026 verbaut sind oder bis dahin zumindest eine Baukonzession beantragt wird, dann sollen, so der Beschluss, diese „erworbenen Rechte“ verfallen. In diesem versteckten Drachen sind südtirolweit scheinbar rund 12.000 Betten versteckt. Wie sich diese Betten im Land verteilen, ist nicht bekannt. Dass diese alle verbaut werden, ist sehr unwahrscheinlich. Aber wenn man diesen Drachen mit Leben füllen möchte und den 12.000 Betten 200 Auslastungstage unterstellt, so kämen zu den heute rund 38 Millionen Nächtigungen 2,4 Millionen hinzu. In der Theorie. Einzig die ff hat letzte Woche, grafisch zumindest, die Debatte um den „Bettenstopp“ wohl richtig dargestellt: Es geht ausschließlich um den Osten des Landes - vom Ritten bis Prettau. Wenn demnach von Overtourism in „Südtirol“ die Rede ist - dann ist „Südtirol“ die östliche Hälfte des Landes (vielleicht noch Meran und Umgebung).

2,4 Millionen Nächtigungen kämen hinzu


Weil aber das Bauen und das Wachstum im Tourismus marktorientiert, organisch und von der Geldverfügbarkeit abhängig sind und das Bauen nicht per Dekret angefordert werden kann, haben sich die Hoteliers oder die Bauherren nicht unmittelbar auf diese Tourismuszonen gestürzt, so dass vielerorts die Zonen noch unbebaut sind oder ein Ansuchen um eine Baukonzession einfach nicht da ist.
Der Wechsel in der Landesregierung - das Ressort Tourismus (und auch die Landwirtschaft) ist von Schuler auf Luis Walcher gewechselt - bewirkt ein aufkommendes Umdenken in Bezug auf diese Annullierung der „erworbenen Rechte“. Wohl auf Druck der Touristiker, auch auf Druck von Gemeindeverwalter, von Bürgermeister eben. Walcher testet die Öffentlichkeit mit Vereinen und Presse, seine SVP-Parteikollegen und die Landtagsabgeordneten mit der Aussage, die Frist für den Verfall der „erworbenen Rechte“ sei um fünf Jahre zu verlängern. Die Diskussion ist eröffnet. Widerstand brandet auf, vom Verein für Heimatpflege, vom Bund für Natur und Umwelt, von den Grünen über das Team K bis zur Süd-Tiroler Freiheit. Auch der ehemalige Landesrat Schuler hat sich in diversen Medien zu Wort gemeldet und Walchers Vorgehen kritisiert. Er sei gegen dieses Ansinnen. Schuler ließ aber in seinen Aussagen durch einen Spalt blicken, wenn er sagt, dass er mit seinem Widerstand eher in der Minderheit in der Partei sei. Das lässt die Interpretation zu, dass LH Arno Kompatscher den Walcher Luis in der Frage der „erworbenen Rechte“ eher gewähren lässt und sich die Stimmung mal anschauen wird. Allerdings hat Schuler kürzlich nachgelegt und im RAI Südtirol gesagt, dass man politisch wohl den Kompass verloren habe.
Wohlwollen für eine Fristverlängerung kommt hingegen von vielen Gemeinden, von vielen Touristikern, aus den Reihen der Wirtschaft.

Wie sieht es im Vinschgau aus?

„Wir sind von einem Massentourismus meilenweit entfernt“, sagt der Schnalser BM Peter Grüner. Es sei schon komisch und brutal, dass „erworbene Rechte“ seit 2022 mit einem Verfallsdatum von 4 Jahren beschränkt würden. In Schnals wäre wohl der von Athesia geplante Hotelkomplex in Kurzras betroffen. „Seit Leo Gurschler“, sagt BM Grüner, „weisen sämtliche bisher erstellten Studien darauf hin, dass es in Schnals mehr Betten braucht, damit unter anderem die Schnalstaler Gletscherbahnen wirtschaftlich arbeiten und damit entsprechende Investitionen tätigen können.“ Als Beispiel nennt Grüner das Hotel Cristall in Kurzras, welches damals nur zur Hälfte des Geplanten gebaut worden sei. Er teile die Meinung von Landesarat Luis Walcher, dass die Frist für die „erworbenen Rechte“ verlängert werden solle. Denn man solle sich bei den Planungen für die Tourismuszonen Zeit lassen und so ordentliche Konzepte umsetzen können. In Schnals gebe es jedenfalls keine Spekulationen rund um die Tourismuszonen. Von einem Bettenstopp halte er grundsätzlich gar nichts.
In Latsch ist derzeit der Jagdhof-Hotelier Martin Pirhofer beim Bauen eines neuen Hotels im Grünen. Längst genehmigt und von den Schuler’schen Stopp-Fristen nicht betroffen. Allerdings, so sagt es der Latscher BM Mauro Dalla Barba, könnte das Hotel Adler in Morter davon betroffen sein. Bekanntlich hat der nunmehr ehemalige HGV-Präsident Manfred Pinzger das leer stehende Hotel Adler gekauft und damit auch die zugehörigen Betten. Das Hotel Adler ist nicht in einer Tourismuszone, sondern in einer B-Zone, also in einer Wohnbauzone. Damit jedenfalls ein kurioses Adlernest. Denn Pinzger hätte für einen Um- oder Neubau von einem Hotelbau bis hin zu einem Kondominium mit Wohnungen alle Möglichkeiten offen. Pinzger sagt dem Vinschgerwind, dass ihn die Diskussion um diese Tourismusbetten gerade das Hotel Adler betreffend gar nicht beunruhigten.
Was soll das alles, fragt sich der Marteller BM Georg Altstätter. Der Gemeinderat von Martell hat vor einem Jahr in seinem Gemeindeentwicklungskonzept klar und einstimmig festgehalten, dass die Gemeinde Martell rasch noch um die 300 Betten vertragen kann. Tatsächlich hat Martell in den derzeit bestehenden Tourismuszonen zwischen Hintermartell, Stallwies und Biathlonzentrum das Potenzial von rund 250 bis 300 Betten. Je nachdem, was in den einzelnen Zonen umgesetzt wird, sagt Altstätter. Abgesehen davon, kenne man sich ohnehin kaum mehr aus. Denn im ehemaligen und verfallendem Hotel Paradies sind noch Betten vorhanden, „erworbene Rechte“ eben. Der sogenannte Bettenstopp bzw. vor allem das Ablaufdatum von „erworbenen Rechten“ stifte zwischen der Urbanistik und dem Tourismus ein Chaos, so dass niemand mehr durchblicke.
Und was passiert, wenn man ausgerechnet im Nationalpark die Tourismuszonen abwürgt? „Dann ist die touristische Entwicklung in Martell auf Jahrzehnte hin passé“, sagt Altstätter. Von wegen Overtourism. Es gebe weder in Martell noch im Vinschgau einen Overtourismus. Was der Köllensperger Paul da von sich gegeben habe (im facebook), sei ein Schmarrn, sagt Altstätter. Wenn man nämlich Tourismushochburgen wie Schenna und Dorf Tirol hernehme, die gemeinsam in etwa so viele Nächtigungen generieren wie der Vinschgau (rund 2 Millionen), dann ergeben sich 330 Nächtigungen pro Einwohner für Schenna und 50 Nächtigungen pro Einwohner für alle 13 Gemeinden im Vinschgau. „Das ist schon ein großer Unterschied und sagt alles über Overtourism aus“, sagt Altstätter.

Was ist mit den Restbeständen?

In der touristisch aufstrebenden Gemeinde Graun sind in den letzten Jahren gar einige Betten hinzugekommen. Mit dem neuen Gerstl ist ein neues Hotel entstanden, in diversen Um- und Anbauten an bestehenden Hotels wurden Betten untergebracht. Graun boomt. Der dortige BM Franz Prieth sagt, dass der Bettenstopp in der Gemeinde Graun bislang nicht so gespürt wird. Von den „erworbenen Rechten“ und deren Verfall wäre möglicherweise die vor Jahren ausgewiesene Tourismuszone in Kappl betroffen.
Aber, was wird mit den Restbeständen von Kubaturen rund um bestehende Hotels geschehen? Fallen die auch unter den Hammer? Prieth sagt, dass in der Gemeinde Graun noch rund 27.000 Kubikmeter in diversen Tourismuszonen und an Hotels zur Verfügung stünden. Als Vergleich: Das neue Gerstl hat eine überirdische Kubatur von rund 13.000 Kubikmeter. „Diese Kubatur streichen, geht auf keinen Fall“, sagt Prieth. Die Kubatur sei laut Index bereits zugewiesen. Würde man diese vorhandene Kubatur direkt in Betten umrechnen, käme man wohl - je nach Berechnung - auf 600 bis 700 Betten. Man benötige bestenfalls einen transparenten Schlüssel für mögliche Betten in diesem Bereich.
Eine Verlängerung der Frist für die „erworbenen Rechte“ ist auf jeden Fall wichtig, sagt Prieth. Auch um Klarheit in das vorhandene Chaos zwischen Urbanistik und Tourismus zu bringen. Und wenn es heißen sollte, dass die Gemeinden Betten zuweisen könnten, wär’ das ok.

Tourismus-Pappenheimer

Um Walcher nicht ins offene Messer des Overtourism-Vorwurfes laufen zu lassen, sind Diskussionen dahingehend unterwegs, dass die Gemeinden über ihre eigenen Tourismuszonen bestimmen sollen. Die heiße Kartoffel soll, wenn es denn gelingen sollte, in die Gemeinderäte hineinverlagert werden. Die BM, die Ausschussmitglieder und die Gemeinderäte vor Ort kennen ihre Tourismus-Pappenheimer bestens und können so am ehesten abschätzen, ob ein Terminaufschub für eine Tourismuszone Sinn macht - oder ob man die Tourismuszone selbst versenken will.

Die vierte Dimension oder das letzte Puzzle

  • Vorspann: Als das Vinschgauer Energiekonsortium (VEK) nach langer Visions-Durststrecke vor 10 Jahren operativ geworden ist und das Stromnetz von den Gemeinden im Konzessionswege zu verwalten und zu modernisieren begonnen hat, konnte sich noch niemand so recht vorstellen, wohin dieser Neustart führen wird. Nun ist das VEK bereit für eine neue Dimension.
  • Dachzeile: Titel
  • Redakteur: Erwin Bernhart
  • Redakteur Bild:

Aus den ursprünglich 27 Gründungsmitgliedern sind mittlerweile 6.000 Genossenschaftsmitglieder geworden. Aus einem ursprünglich visionären und fast brotlosen Schattenkabinett sind mit Stand heute 30 qualifizierte Mitarbeiter geworden. Aus Null sind heute 12.000 Stromkunden und 4.000 Internetkunden geworden. Aus Null hat das Vinschgauer Energiekonsortium in den letzten 10 Jahren rund 10 Millionen Euro in die Stromnetze der Gemeinden Laas, Schluderns, Glurns, Taufers, Mals und Graun investiert.
Beeindruckend ist diese Entwicklung. Eine Erfolgsstory, die man sich vor 10 Jahren nicht erträumt hat. Zumal damals die Warnungen vor einem Fingerverbrennen vorgeherrscht haben. Zum Erfolg beigetragen haben die 6 Gemeinden im oberen Vinschgau. Denn die Gemeinden haben von der Edyna, der ehemaligen SELnet, 2015 die Stromnetze auf ihrem jeweiligen Gemeindegebiet gekauft. Mit erheblichem finanziellen Aufwand. Diese Stromnetze wurden dann dem VEK in einem Konzessionsvertrag zur Pflege und Bewirtschaftung überlassen. Damit konnte das Vinschgauer Energiekonsortium 2016 operativ starten. Die Gemeinden Schlanders und Latsch waren nicht dabei. Das VEK hat rasch mit der Strommarke VION die Stromlieferungen an Genossenschaftsmitglieder und an Kunden übernommen, hat das ehemalige ENEL-Netz Schritt für Schritt angepasst und dafür pro Jahr rund eine Million Euro investiert. Die Stromsicherheit hat sich verbessert, der Stromdienst ist lokal geworden, die Abwicklungen neuer Stromanschlüsse, die Zurverfügungstellung von Baustrom, von Strom für Feste und Veranstaltungen, die Anschlüsse von Photovoltaikanlagen gehen rasch und reibungslos über die Bühne. Jedenfalls reibungsloser als vor der VION-Zeit.
Das VEK hat sich diversifiziert, hat neben den Stromlieferungen, neben den ARERA-Meldungen usw. sich auch mit zunehmendem Erfolg als Internetprovider betätigt, hat die technische Betreuung von Kraftwerken übernommen, hat selbst in Kraftwerke investiert und ist zum Beispiel Miteigentümer am Kraftwerk Konfall in Schluderns.
Neben Know-How hat sich das VEK auch eine bestimmte ökonomische Potenz angeeignet. Man ist bereit für eine neue Dimension - oder anders gesagt, man ist bereit für den nächsten Schritt für die Verwirklichung der ursprünglichen Vision: Das VEK hat den Gemeinden Laas, Schluderns, Glurns, Taufers, Mals und Graun ein Kaufangebot für die Stromnetze gemacht.
Der VEK-Präsident Andreas Tappeiner drückt es so aus: „Wir sind in eine Zwittersituation geraten. Diese möchten wir bereinigen. Wir haben in die Stromnetze investiert und die neuen Invesitions-Abschnitte sind im Eigentum des VEK. Die Ursprungsnetze sind im Eigentum der Gemeinden. Durch einen Netzankauf können wir diese Situation bereinigen.“ „Die Frage ist“, so sagt es VEK-Geschäftsführer Alexander Telser, „ob die Bürger:innen und die Gemeindeverwalter mit den Diensten des VEK zufrieden sind. Daraus folgt dann, ob die Stromnetze verkauft werden sollen.“
s7 tbDie Pflege des Stromnetzes sei eine Dienstleistung, aber längst nicht mehr das Kerngeschäft des VEK. Allerdings sei es eine Frage der Identifikation, sagt Tappeiner. Denn als Eigentümer tue man sich erheblich leichter, entsprechend notwendige Investitionen zu tätigen.
„Der Verwaltungsrat des VEK hat sich zum Ziel gesetzt, die Stromnetze der 6 Gemeinden zu übernehmen“, sagt Andreas Tappeiner. Tappeiner ragt als ehemaliger Bürgermeister der Gemeinde Laas und als ehemaliger Präsident der Bezirksgemeinschaft Vinschgau aus jener legendären Vinschger Stromstreit-Zeit herüber. „Wir verspüren, dass in den Gemeinden das Thema Energie, das Thema Strom nicht mehr so gespürt wird wie damals“, sagt Tappeiner. Dass bei den neuen Gemeinderät:innen in Sachen Strom Aufklärungsbedarf herrsche, sagt auch Alexander Telser. Denn über einen möglichen Verkauf müssten sich die Gemeinderät:innen selbst ein Urteil bilden. Sollte das Stromnetz an das VEK übergehen, würde sich weder für die Gemeindeverwalter noch für die Bürger etwas ändern. Noch weiß man nicht ganz genau, wieviel die gesamte Operation kosten könnte. Dem damaligen Ankaufswert des jeweiligen Stromnetzes stünden die von ARERA tabellarisch genau festgehaltenen Abschreibungen gegenüber. Allerdings, darin sind sich Telser und Tappeiner einig, wäre der Ankauf bewältigbar, mit langfristigen Krediten und eventuell mit einem Teil Eigenkapital bezahl- und durch die laufenden Einnahmen stemmbar.
Das Ansinnen ist bei der Ratssitzung in Graun am 9. Februar an die Öffentlichkeit gelangt. Dort hat der Gemeinderat einstimmig beschlossen, den Verkauf des Stromnetzes an den Gemeindeausschuss zu delegieren. Der Ausschuss solle alle Schritte und die Operation in die Wege leiten. Vorausgegangen ist eine informelle Sitzung mit VEK-Vertretern, Vertretern von der Energiegenossenschaft Oberland (EGO) und den Gemeinderäten. Es kann sein, dass das Prozedere bzw. der ganze Weg des Verkaufs - von der genauen Netzwertkalkulation, bis hin zur Feststellung der Investitionssummen der letzten 10 Jahre, bis hin zu einer Ausschreibung samt Veröffentlichung und letztlich der Kaufoperation am Beispiel der Gemeinde Graun durchexerziert wird und so als Blaupause für andere Gemeinden dienen kann.
Zeit ist genug einkalkuliert. Denn der Konzessionsvertrag der Gemeinden mit dem VEK läuft 2030 aus und müsste dann mittels einer öffentlichen Ausschreibung verlängert werden. Allerdings nur dann, wenn die Stromnetze noch im Eigentum der Gemeinden sind. Mit einem frühzeitigen Verkauf an das VEK würde dieses Risiko der Ausschreibung entfallen und der VEK hätte das letzte Visions-Puzzle einfahren können.

Glurns weiß sich zu wehren

  • Vorspann: Wie er es auch wendet: Der BM von Glurns ist bei einer Verkehrsberuhigung der Stadt immer auf die eine oder andere Nachbargemeinde angewiesen. Im Interview erklärt BM Erich Wallnöfer die diffizile Lage und kann auf einen revolutionären Vorschlag mit Gemeindratsmandat zurückgreifen.
  • Dachzeile: Titel
  • Redakteur: Erwin Bernhart (Interview)
  • Redakteur Bild:
  • Weitere Fotos - 1: Ingrid Kapeller und Corinne Bertoncini stellen das Booklet „Sexualisierte Gewalt - Verstehen und handeln“ vor
  • Weitere Fotos - 2: Das Forum Prävention um Christa Ladurner, medica mondiale um Monika Hauser, das Frauenmuseum Meran um Sissi Prader und das Antigewaltnetzwerk Vinschgau ViA! tragen dazu bei, dass Präventionmaßnahmen gegen sexualisierte Gewalt eingesetzt, dass Anlaufstellen bereitgestellt und dass  Aufklärung stattfinden kann.

Vinschgerwind: Herr Bürgermeister, sind Sie übermütig, spinnen Sie oder sind Sie einfach mutig?
Erich Wallnöfer: Ich bin nicht übermütig, spinnen tue ich nicht generell, aber mutig. Es ist eine normale Reaktion, die sich aus den derzeitigen Gegebenheiten so ergibt. Wir müssen Aktionen setzen, damit die Bevölkerung sieht, dass wir etwas tun. Auch weil uns das Land da nicht hilft.

Vinschgerwind: Das müssen Sie uns genauer erklären, bitte.
Erich Wallnöfer: Seit gut drei Jahren versuche ich dem Land eine kleine Umfahrungsvariante für Glurns zu unterbreiten. Eine komplette Umfahrung ist das nicht, auch nichts Großartiges, auch nicht kostenmäßig Großartiges....

Vinschgerwind: Eine kleine Umfahrung um Glurns herum von Schluderns kommend?
Erich Wallnöfer: Nein, überhaupt nicht. Es geht nur darum, den Verkehr von Taufers in Richtung Prad umzulenken und dazu ist ein Umbau der Kreuzung notwendig. Da gibt es ein Projekt, da gibt es Kostenschätzungen und alles...

Vinschgerwind:Das Projekt hat die Stadtgemeinde Glurns in Auftrag gegeben?
Erich Wallnöfer: Ja, das hat die Stadt in Auftrag gegeben und auch selber finanziert. Das wär’ kein großer Aufwand. Schätzungsweise um die 500.000 Euro würde der Umbau kosten. Dann wäre die Kreuzung so umgebaut, dass der Verkehr von Taufers in Richtung Meran über die Prader Straße abgeleitet werden könnte. Prad hat sich immer dagegen gesträubt und sträubt sich immer noch ein bisschen.

Vinschgerwind: Die Prader werden keine Freude haben...
Erich Wallnöfer: Prad hat in dem Sinne keine Freude, weil der Verkehr durch die Gewerbezone gehen würde und diese Straße ist eine Gemeindestraße. Das Land wäre bereit, diesen Straßenabschnitt samt Instandhaltung zu übernehmen. Allerdings müssten die Prader die Straße vom Gumser Kreisverkehr bis zur Stilfserjochstraße als Gemeindestraße übernehmen.

Vinschgerwind: Warum hilf das Land nicht mit bei dieser Umleitung des Verkehrs?
Erich Wallnöfer: Ganz einfach: Das Land sagt, wenn du mit den Pradern nicht handelseins bist, tun wir nichts. Das ist Landestaktik, ich empfinde das als Vorwand, damit keine kurzfristigen Lösungen zustande kommen. Ich bin ja schon rund 10 Mal zum Landesrat Alfreider gepilgert. Der kennt mich mittlerweile gut. Alfreider hat mich aufgefordert, die Unterschriften von den umliegenden Gemeinden einzuholen. Das hab ich gemacht und hab von Taufers, von Mals und von Schluderns die Unterschriften der Bürgermeister geholt. Prad hat nicht unterschrieben. Der Prader BM sagt, er könne doch nicht unterschreiben, damit er den Verkehr abbekommt. Das verstehe ich zum Teil. Wenn ich die Kreuzung selber bauen dürfte, würde ich das tun. Grundablöse inklusive. Und so ist das Projekt halt steckengeblieben. Vor einem Monat hat Alfreider eine neue Umfahrungsvariante vorgestellt. Ich habe gesagt, mir geht der Vorschlag gut, Mals sagt, so nicht und Prad sagt auch, so nicht. Der Vorschlag ist nicht so neu - ein Ausbau der Prader Straße an Glurns mit einer großen Brücke über die Etsch vorbei und durch die Wiesen zwischen Laatsch und Mals in die bestehende Straße mündend. Den Vorschlag hatten wir schon vor 20 Jahren, sogar mit besseren Varianten. Für mich heißt das, dass ich vom Land vertröstet werde.

Vinschgerwind: Bei der Sitzung der Landesregierung kürzlich in Schloss Goldrain hat es geheißen, dass ihr euch als Gemeinden einigen sollts. Dann könne man etwas tun...
Erich Wallnöfer: Ich sage Ja zu diesem Vorschlag, weil ich weiß, dass sowieso nichts passiert und meine Nachbargemeinden Mals und Prad sagen nein. Die Malser sagen, sie haben kein Problem mit der jetzigen Straßenführung, ok. In Schluderns wird sich der Druck wohl verringern, weil Lärmschutzwände gebaut worden sind und für Prad ist Alfreiders Vorschlag so nicht akzeptabel. Dann hänge ich halt allein mit meinem Problem. Wir haben derzeit eine Staatsstraße durch die Stadt und zum Tauferer und zum Malser Tor hin führen zwei Landesstraßen. Es kreuzen sich täglich mindestens 10.000 Autos am Stadtplatz. Jetzt kommt der Sommer und da kommen zusätzlich zu den Autos noch die Radfahrer und die Fußgänger hinzu. Vor 20 Jahren hatten wir keine Radfahrer, denn da ist der Radtourismus erst langsam ins Rollen gekommen. Also, welche Verkehrsteilnehmer von diesen drei kann ich zurückbauen? Nur das Auto! Auch wegen des Lärms und wegen der Abgase.

Vinschgerwind: Sie haben dem Gemeinderat am Freitag, den 24. April einen Vorschlag zur Verkehrsberuhigung unterbreitet. Was ist da der Inhalt?
Erich Wallnöfer: Der Vorschlag ist so, dass wir in den Monaten Juli und August den Durchzugsverkehr nicht mehr durch die Stadt fahren lassen. Nur noch Einheimische und Berechtigte. Details sind noch zu klären.

Vinschgerwind: Kann man sich das so vorstellen, dass in Schluderns und in Mals und an der Kreuzung Taufers-Prad eine Tafel mit einem Durchfahrtsverbot steht?
Erich Wallnöfer: Wie wir das immer aufschlagen, wenn wir in der Stadt eine Veranstaltung haben. Mit dem Unterschied, dass in den zwei Monaten Einheimische und der landwirtschaftliche Verkehr fahren dürfen, das ist alles noch zu klären. Der Verkehr in der Stadt, so hoffe und schätze ich, würde um 60% zurückgehen. Ich würde das mal als Versuch starten, um zu testen, ob das mit der lokalen Wirtschaft funktionieren kann. Wir haben ja Geschäfte in der Stadt, wir haben Gasthäuser. Eine Sperre könnte ja auch für die Wirtschaftstreibenden ein Mehrwert sein. Das muss sich zeigen. Das weiß man von vornherein nicht.

Vinschgerwind: Haben Sie im Vorfeld Gespräche mit den Stadtlern geführt?
Erich Wallnöfer: Bevor nicht der Gemeinderat mit diesem Vorschlag einverstanden ist, habe ich keine Gespräche geführt. Ich mach doch im Vorfeld die Leute nicht narrisch, um danach zurückrudern zu müssen. Der Gemeinderat hat mir nun das politische Mandat gegeben. Nun kann man die technischen Details ausarbeiten.

Vinschgerwind: Noch einmal kurz zurück zu den Umfahrungsvarianten. Verstehen wir das richtig, dass mit der aktuellen Diskussion die Umfahrung Schluderns-Richtung Glurns, unterm Tartscher Bichl Richtung Mals und in die Straße von Laatsch mündend keine Rolle mehr spielt und somit vom Tisch ist?
Erich Wallnöfer: Das wäre vom Tisch. Aber es ist immer das Gleiche: Wenn eine der Nachbargemeinden nicht mitmachen will, hab ich immer ein Problem. Bei einer Umfahrung von Glurns muss ich immer eine andere Gemeinde berühren. Allein kann ich nichts machen, auch finanziell nicht.

Vinschgerwind: Also blitzen Sie beim Land mit jeder ihrer Ideen ab, weil eine Nachbargemeinde immer dagegen sein wird.
Erich Wallnöfer: Eine wird immer dagegen sein.

Vinschgerwind: Ein ganz ein anderes Thema: Auf dem Platz vor der Gemeinde fehlt die Brunnenstatue. Wie ist der Stand der Dinge?
Erich Wallnöfer: Die Ergebnisse des Vorermittlungsverfahren kommen im Mai zum Voruntersuchungsrichter. Da soll entschieden werden, ob es ein Gerichtsverfahren geben wird oder ob der Fall archiviert wird. Ich kann das nicht einschätzen, wie entschieden werden wird. Vom Gericht wurde ein Techniker als Sachverständiger beauftragt. Natürlich haben wir uns informiert, ob wir da Pflichten hatten, ob wir da Pflichten versäumt haben. Jedenfalls hat uns niemand im Vorfeld aufmerksam gemacht, dass etwas zu tun sei. Es gibt in diesem Bereich keine Normen, keine Vorschriften, weil es sich bei Brunnenfiguren um Kunstgegenstände handelt. Ich kenne das Gutachten des Sachverständigen noch nicht. Das wird Ende April hinterlegt werden.

Vinschgerwind: Noch ein anderes Thema: Glurns hat Vinschgau Marketing verloren...
Erich Wallnöfer: Verloren haben wir nur die Mitarbeiter von Vinschgau-Marketing. Die Büroräumlichkeiten hat IDM von der Gemeinde Glurns gemietet und hat die Räumlichkeiten nun mit anderen Mitarbeitern aufgefüllt. Da hat sich nichts geändert.

Vinschgerwind:Glurns am Reschensee?
Erich Wallnöfer: Noch ist es schwierig zu sagen, wie das ankommt. Das ist alles zu neu. Der Tourismus in Glurns ist ja nicht so federführend wie andere Sparten in Glurns.
Es ist eine Marketingstrategie, die einen Leuchtturm, in diesem Fall ist es tatsächlich ein Turm, in den Mittelpunkt stellt und der nach außen gut erkennbar ist. Glurns ist auch bekannt, im Ausland ist Glurns wohlbekannt. Ein Turm im See ist aber schon markant. Man wird sehen. Der positive Aspekt des Tourismus in der Stadt an einem Beispiel: Wir haben 10 Gastbetriebe, von denen einige auch im Winter geöffnet haben. Andere mit der gleichen Einwohnerzahl wie Glurns haben keines mehr.

Vinschgerwind: Wie bewegt sich ein aus der SVP ausgestiegener Bürgermeister in den Vinschger Bürgermeisterrunden?
Erich Wallnöfer: Ganz normal. Ich bewege mich, wie ich mich immer bewegt habe. In gewissen Sachen, die SVP betreffend, werde ich nicht gefragt. An und für sich habe ich keine Berührungsprobleme, die habe ich nie gehabt. Ich vertrete halt meine Standpunkte, ob die SVP-freundlich ist oder nicht, das ist deren Problem.

Vinschgerwind: Sie hängen noch eine sechste Legislaturperiode an?
Erich Wallnöfer: Es sind noch vier Jahre bis zu den nächsten Wahlen. Meine 5. Legislaturperiode könnte die letzte sein.

 

Hoffnung

  • Vorspann: Latsch/Tarsch - In Latsch keimt Hoffnung auf. Hoffnung darüber, dass die Liftanlagen auf der Tarscher Alm erneuert, der seit langem schlafende Skibetrieb wieder aufgenommen werde und letzlich der Tourismusverein die höchst defizitäre Liftlanlage losbekommt.
  • Dachzeile: Titel
  • Redakteur: Erwin Bernhart
  • Redakteur Bild:

Eine Diskussion im Tourimsmusverein Latsch geht so: Der Zubringerlift, der an der Talstation oberhalb von Tarsch startet und auf der Tarscher Alm endet, wird 2028 abgeschaltet. Die Lichter gehen aus. Ende. Dieses Szenario ist nicht nur so dahergeredet.
Denn seit der Tourismusverein die Liftanlagen vor Jahren übernommen hat und das Geschäftgebahren über die eigens gegründete TV Lift GmbH abwickelt, reißt der Liftbetrieb regelmäßig ein Loch in die Kassa. Um die 180.000 Euro werden es jährlich sein. Die werden dann mit dem Geld aus dem Tourismustopf bezahlt. Hinzu kommen die regelmäßigen Revisionen, die die alte Liftanlage über sich ergehen lassen muss. 2025 war es die 5-jährige Revision. Das Geld muss aufgewendet werden, damit der Lift im Sommer läuft, damit das Zusatzangebot - Wandermöglichkeiten, Almwirtschaft - auf der Nörderseite für Gäste und Einheimische bereitgestellt werden kann. Letztlich ein teuer erkauftes Zusatzangebot.
2030 kommt auf den Zubringerlift „Latsch I“ eine 10-jährige Revision zu. „Die derpacken wir nicht mehr“, sagt es der Präsident des Tourismusvereines und gleichzeitig der Präsident der „TV Lift GmbH“ Roman Schwienbacher ganz offen und einen neuen Lift könne man sich nicht leisten. Deshalb sei tatsächlich die Diskussion im Tourismusverein dahingehend, dass man die Lichter bereits 2028 und nicht erst 2030 ausschalten möchte. Je früher man abschalte, desto weniger Geld werde verbraten.
Derweil wird im Skigebiet Tarscher Alm „abgeplündert“. Zwei Lifte sind bereits abgebaut. Der Gampenlift, der „Babylift“ also, ist nach Rumänien gegangen und der Kaserer-Lift nach Chile. Der größere Lift „Latsch II“, von der Bergstation auf die Zirmruanhütte, wird wohl heuer noch abgebaut.
Dies ist der aktuelle Hintergrund, vor dem sich neue Szenarien entwickeln könnten und können. Man muss es so formulieren: Vor diesem Hintergrund könnten „alte“ und deshalb bekannte Szenarien wieder aufleben. Szenarien, die vor Jahren durchdiskutiert, abgewogen, verworfen, verbrannt, herbeigehofft und letztlich nie realisiert worden sind. Die Voraussetzungen, die Hintergründe und Unterlagen waren damals andere als heute. „Hü oder Hot“ hat der Vinschgerwind im Jahr 2005 über den Fortbestand der Tarscher Alm getitelt. Damals hat die Latscher Skicenter GmbH die Flucht nach vorne ergreifen und den Zubringer Latsch I neu bauen, den Jochpfarrerlift ausbauen, eine Talabfahrt anlegen und die Beschneiungsanlage verbessern wollen. Das Unterfangen endete, weil nicht verwirklicht, im Konkurs der GmbH, den man mit der Flucht nach vorne eigentlich verhindern hat wollen. Schnee von gestern ist das heute.

Licht aus, Licht an
Dann kam Jaime Lorenzo, der Spanier, charismatisch, großspurig, einen Ausbau und investieren wollend, „Pure Nature Ski GmbH“. „Er könnte sicher auch als Staubsaugerhändler reich werden“, charakterisierte ihn 2008 der Vinschgerwind unter anderem. Drei Hektar Wald wollte Jaime Lorenzo Blanco als Tourismuszone bei der Talstation - für Chalets. Später sollten die Chalets eher an der Bergstation entstehen. Blanco bringt damals auch eine Bahn vom Bahnhof hinauf auf die Talstation ins Spiel, a lá Hungerburgbahn in Innsbruck. In Latsch entsteht so etwas wie kühle Euphorie, zwischen Schulterklopfern und Skeptikern. Der Spanier scheitert und das trotz Begleitung von Latscher Skicenter-Granden wie etwa Franz Rinner.
Der Tourismusverein Latsch übernimmt dann über eine neu gegründete TV Lift GmbH die Lifte auf der Tarscher Alm, über die neue gegründete TV Gastro GmbH werden die Immobilien an Tal- und s7 Stillstand2Bergstation bewirtschaftet bzw. verpachtet.
Die Tarscher Alm fällt als Skigebiet vollends in den Winterschlaf. Die Berghänge oben um die Zirmruanhütte sind trotzdem in jedem Winter magisch, der Schnee glitzert, neckt, lockt. Eine Wintersaison findet in der Ferienregion Latsch-Martell statt - in Martell. Die Latscher Beherbergungsbetriebe überwintern schlafend. Man könnte sagen, die Herbergen liegen um die Weihnachtszeit brach.

Brachliegende Herbergen
Das könnte sich ändern. Denn im November 2025 verkündet der Präsident des Tourismusvereines Latsch-Martell Roman Schwienbacher in einer Sitzung des Verwaltungsrates, dass es Interessenten gebe, die das Skigebiet kaufen und um- und ausbauen möchten. Der Ball wird flach gehalten, Vorstudien werden betrieben, Gespräche vorbereitet. Die Interessenten bleiben anonym, denn bis heute ist gar nichts in irgendwelchen trockenen Tüchern.
Roman Schwienbacher sagt nur soviel: Die Interessenten haben der Fraktion Tarsch, die Grundeigentümerin auf der Tarscher Alm ist, einen Nutzungsantrag gestellt. Diesen Antrag soll die Fraktionsverwaltung bewerten und darüber befinden. Je nachdem wie die Fraktionsverwaltung die Sachlage einschätze, können nächste Schritte folgen. Die Fraktionsverwalter lassen sich von allen möglichen Ämtern beraten, vom Bauernbund, vom Rechtsamt usw., um den vielen offenen Fragen begegnen und um den vielen Fehlern aus der Vergangenheit ausweichen zu können. Gibt die Fraktionsverwaltung Tarsch als Grundeigentümerin für Grundbenutzung und mögliche Pacht grünes Licht, dann erst werde eine Gesellschaft bestehend aus drei Gesellschaftern gegründet werden. Zwei Gesellschafter seien Einheimische und ein Gesellschafter komme aus Tschechien. Alle haben Erfahrung in Sachen Skigebiete.
Das Gutachten bzw. die Nutzungs-Bewertung der Fraktionsverwalter von Tarsch soll in diesen Tagen vorgelegt werden. Dann dürften Gesellschafter und Pläne das öffentliche Licht erblicken. Dann dürften entsprechende Fragestellungen auch an die Gemeindeverwalter gestellt werden können. „Grundsätzlich sind wir bereit“, hat sich der Latscher BM Mauro Dalla Barba ein Mantra für die Öffentlichkeit zugelegt, „die Anliegen und die Pläne anzuhören und anzuschauen.“ Dann schiebt Dalla Barba fast schon eine Drohung nach: „Keinen zusätzlichen Verkehr darf es für Latsch und für Tarsch geben und das Ganze muss einen Mehrwert für die Bevölkerung haben.“

Dass die potenziellen Gesellschafter bereits eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben haben, ist in Latsch bekannt. Den Inhalt umreißt Schwienbacher grob: Eine Zubringeranlage von der Talstation St. Martin hinauf auf die Talstation Tarscher Alm, eine neue 10er Kabinenbahn von der Talstation Tarscher Alm hinauf auf das Tarscher Joch. Denn im Skipistenfachplan ist eine Verbindung von der Bergstation Tarscher Alm zum Joch hinauf bereits enthalten. Eine Verbindung mit dem Skigebiet Schwemmalm in Ulten sei - aus Sicht des Grundbesitzes - im Bereich des Möglichen, zumal die Kuppelwieser Alm im Eigentum der Fraktion Tarsch sei. Aus den Studien aus der Vergangenheit werde ersichtlich, dass für die Verbindung mit der Schwemmalm nur ein Lift und eine Piste notwendig sei. Der Großteil eines solchen Liftes und einer solchen Piste liege auf Grund der Fraktion Tarsch.
Für eine neue Beschneiungsanlage gebe es Studien aus der Vergangenheit, die ein Speicherbecken in der Nähe der Zirmruanhütte vorsehen. Auf der anderen Seite können Verhandlungen mit Alperia eine Wasserversorung über den Arzker-Stausee klären. In Summe eigentlich kaum Neues.

„Optimale Geschichte“
Auf die Frage, über welche Motivationen die potenziellen Gesellschafter an die Sache Tarscher Alm herangehen, sagt Schwienbacher, dass die Sachlage x-Mal angeschaut worden ist. Aus der Zusammenschau der Daten, der potenziellen 3.500 Betten in der Umgebung, die im Winter brachliegen, aus der Sicht, dass Ulten schwer und nur durch eine lange Zufahrt zu erreichen sei und talintern über relativ wenige Betten verfüge, wäre ein Ausbau der Tarscher Alm samt Zusammenschluss mit Ulten eine „optimale Geschichte“.
Es habe bereits mit mehreren Hoteliers in Latsch Gespräche über die Bereitschaft, im Winter zu öffnen, gegeben. Die durchaus positiven Signale seien ermutigend gewesen.
Sicher sei, so sagt es Schwienbacher, dass ein Neubau des Zubringerliftes „Latsch I“ als erstes in Angriff zu nehmen sei. Man könne sofort starten. Die hoffnungsvolle Euphorie wird vor allem dann verständlich, wenn man sich die Kehrseite ins Bewusstsein ruft: 2028 oder spätestens 2030 gehen beim letzten Dinosaurier-Lift „Latsch I“ ohnehin die Lichter aus.

Schlanders in Europa

  • Vorspann: Schlanders/Brüssel - Über die Weihnachtsfeiertage war Schlanders nicht stressfrei. Eine Arbeitsgruppe hat sich mit Zukunftsszenarien beschäftigt und diese Visionen werden Ende Jänner in Brüssel vorgetragen. Fest steht jetzt schon: Schlanders wird in Europa sichtbar. Was geht da vor sich? Wir haben bei Hannes Götsch von der Basis Schlanders nachgefragt.
  • Dachzeile: Titel
  • Redakteur: Erwin Bernhart (Interview)
  • Redakteur Bild:
  • Weitere Fotos - 1: Die Arbeitsgruppe: v. l. Aaron Pircher, hds-Bezirksleiter Vinschgau, Cristian Lechner, BASIS Vinschgau, Bürgermeisterin Christine Kaaserer, Thomas Schuster, Eisdiele Ortler, Karin Gluderer, Agnes Wielander, Hotel Goldene Rose, Hannes Götsch, BASIS Vinschgau, Melanie Längerer, Tourismusverein Schlanders-Laas und Manuel Trojer.

Vinschgerwind: Schlanders kommt auf europäischer Ebene zu Ehren. Ende Januar kommt es zu einem Showdown in Brüssel. Was ist da los?
Hannes Götsch: In Brüssel gibt es ein Finale. Es geht um die Anerkennung einer Kleinstadt bzw. eines Dorfes zum Thema Kleinhandel. Der Überbau ist „European Capitals of Small Retail“. Das ist ein Programm der EU. Drei Finalsiten sind ausgewählt worden. In der Kategorie Klein bzw. von 5.000 bis 50.000 Einwohnern ist Schlanders unter den ersten drei. Ende Januar werden wir mit einer Delegation mit Vertretern aus Politik, aus den Verbänden, aus dem lokalen Handel und wir von der Basis als Projektentwickler nach Brüssel fahren. Dor werden wir einen sogenannten „Pitch“, also einen Aufschlag machen mit dem Inhalt, was wir für 2026 planen und vorhaben. Damit wollen wir um den ersten Platz mitfighten.

Vinschgerwind: Das klingt so, als ob Basis sein Netzwerk gut zu nutzen weiß. Habt ihr diese Nominierung in der Basis entwickelt? Wie kann man sich den Weg dahin vorstellne?
Hannes Götsch: Es gibt auf europäischer Ebene ganz viele Möglichkeiten und Optionen der Unterstützung. Für Schlanders sind Aaron Pircher vom hds, Karin Gluderer als hds-Orstobfrau und Rosmarie Ferlito von der Eisdiele Ortler auf meinem Mitarbeiter Luca Daprá und mir zugekommen und haben uns auf diese Möglichkeite aufmerksam gemacht. Wir waren sofort begeistert. In sehr kurzer Zeit haben wir die Bewerbung abgegeben.

Vinschgerwind: Was habt ihr da in diese Bewerbung hineingeschrieben?
Hannes Götsch: Wir haben aufgezeigt, was wir alles in Schlanders an Positivem haben, wo wir uns von anderen unterscheiden. Die Qualität von Schlanders ist die Vielschichtigkeit und die städtischen Attribute. Wir haben Schlanders aus der Vogelperspektive betrachtet und Vorhandenes einfach eingezeichnet: von der Bibliothek, dem Sitz der Bezirksgemeinschaft, dem Krankenhaus, der Fußgängerzone, den funktionierenden Geschäfte, der Gastronomie, der Schulen und Oberschulen, dem Kulturhaus, den Parks bis hin zum Gründer- und Innovationszentrum Basis und dem vielfältigen Vereinsleben. Kurzum, wir haben geschaut, wie voll das Glas ist und wir haben das funktionierende gesellschaftliche System zusammengefasst. Natürlich wissen wir auch um die Defizite. Aber wir haben uns für die Bewerbung natürlich auf das Positiive konzentriert.

Vinschgerwind: Unter wie vielen Bewerbungen hat sich Schlanders wiedergefunden?
Hannes Götsch: Es dürften unzählige gewesen sein. Genaue Zahlen haben wir nicht. Spannend ist aber, wenn Schlanders unter den ersten drei bei den „Kleinstädten“ zu finden ist und etwa Barcelona bei den Großstädten. Wichtig für den Erfolg war und ist das Netzwerk der Basis. Denn wir haben mit Unterstützungsbriefen wertvolle Schützenhilfe erhalten, von unserem Netzwerk Trans Europe Halles etwa...

Vinschgerwind: Können Sie diese Form der Unterstützung näher erläutern?
Hannes Götsch: Für mich bzw. für die Basis sind sogenannte Unterstützungsbriefe ein normales und probates Mittel. Als Beispiel nenne ich die Basis, die ein EU-Projekt ist, selber. Beim Ansuchen um ein EU-Projekt muss der Antragsteller zeigen können, dass das Projekt von einer breiten Basis getragen wird. Das geschieht mit Unterstützungsbriefen. Beim Projekt Basis haben die Gemeinde Schlanders, der Handel, das Gastgewerbe, Vereine und Verbände ihre Unterstützung verschriftlicht. So wird sichergestellt, dass nicht jeder mit irgendeinem Projekt um EU-Förderungen ansuchen kann. Ähnlich ist es jetzt mit dem Kleinhandelsprojekt gegangen. Und da konnte eben die Basis ihr europäisches Netzwerk zur Entfaltung bringen.

Vinschgerwind: Eine Jury hat Schlanders in der sogenannten Shortlist unter die ersten drei gereiht. Ende Jänner soll dann der Sieger gekrönt werden. Besteht Hoffnung, dass Schlanders das schaffen könnte?
Hannes Götsch: Für uns ist schon die Reihung unter die ersten Drei ein Riesenerfolg.

Vinschgerwind: Welche Benefits, welche Unterstützung erhält Schlanders von Seiten der EU?
Hannes Götsch: Das Sekretariat für den Preis „European Capitals of Small Retail“ unterstützt die drei Finalisten über den Zeitraum 2026. Man erhält auf europäischer Ebene Sichtbarkeit und damit einen Marketingschub. Man wird europäischer Gastgeber für all jene, die sich das Beispiel Schlanders anschauen und studieren wollen. Man darf sich erwarten, dass über ein Wochenende plötzlich über 100 Leute außerhalb des klassischen Tourismus kommen werden. Die Sichtbarkeit wird nach außen strahlen, das ist eine kostenlose Werbung für Schlanders. Und ich sage, dass es noch eine andere, sehr wichtige Eben gibt. Dieses Projekt führt uns im Dorf ein stückweit wieder zusammen, das wird uns zusammenschweißen.

Vinschgerwind: Das ist die Frage: Welche Auswirkungen nach Innen wird diese Auszeichnung haben?
Hannes Götsch: Wir haben eine tolle Arbeitsgruppe, die aus der Bürgermeisterin Christine Kaaserer, dem Wirtschaftsreferenten Manuel Trojer, dem hds-Bezirksrefernten Aaron Pircher, der hds-Ortsobfrau Karin Gluderer, der Rosmarie und dem Thomas Schuster von der Eisdiele Ortler, der Agnes Wielander vom Rosenwirt und von Vertetern der Basis. Ich glaube, dass allein diese Zusammensetzung ein starkes Signal dafür ist, dass wir uns in Schlanders auf den Weg machen, um Marketing, Potenziale und Perspektiven auszuarbeiten.

Vinschgerwind: Wenn die Gruppe Ende Jänner nach Brüssel fährt, werden dort für die Präsentation die Vorhaben für 2026 zur Sprache kommen. Was wird man in Brüssel erzählen?
Hannes Götsch: Das ist in Ausarbeitung. Am 8. Jänner sollen wir den Entwurf abgeben. Wir haben regelmäßig Arbeitstreffen. Eines ist sicher, wir werden auf den tollen Sachen aufbauen, die wir haben. Viele solche Qualitäten haben nicht viele vergleichbare Dörfer auf europäischer Ebene. Wir werden uns auf das 7-Minuten-Dorf konzentrieren. Das heißt, dass man in Schlanders zu Fuß in 7 Minuten alle relevanten Einrichtungen erreichen kann - von Sportstätten, Schulen, Kindergärten, Krankenhaus usw. aber auch die Naherholungsmöglichkeiten in der Natur. In 7 Minuten ist man auf dem Ilzwaal und kann die Promenade genießen. Wir werden uns also auf das konzentrieren, was vorhanden ist. Aber dann werden wir auch sagen, was wir dazunehmen wollen. Ich denke da an ein „slow shopping“. Mit einer Stadt wie Meran werden wir nicht konkurrieren können und trotzdem: Wenn wir an die Bekleidungsketten denken, die in vielen anderen Städten wie ein Einheitsbrei vorhanden sind... Nehmen wir Glurns. Die Stadt hat sich zu einer kleinen Boutiquestadt entwickelt und es kann so sein, dass viele Leute die großen Menschenströme in größeren Städten meiden werden. Ich bin in Europa viel unterwegs und meine persönliche Meinung ist, dass wir mit dem Waltherpark in Bozen keinen großen Riss gemacht haben. Es ist eher eine Gleichstellung. Wow und Mega ist das nicht. Das ist meine persönliche Meinung, bitte. Auf der anderen Seite glaube ich, dass Leute aus den Städten in Schlanders einkaufen und gut Essen gehen können, gerade mit dieser 7-Minuten-Qualität. Vielleicht können wir da noch einiges herausholen.

Vinschgerwind: Alleinstellungsmerkmal weitum ist die Basis. Welche Rolle in diesem Kontext spielt ihr von der Basis?
Hannes Götsch: Wir bilden die Plattform dafür, dass man sich an einen Tisch setzt. Das haben wir von Beginn an kommuniziert. Wir sind jene, die lösungsorientiert mitarbeiten und wir sind diejenigen, die liefern. Also, wir sind jene, die innerhalb der vorgegebenen Deadline Projekte abgeben. Nach dem Motto: Let’s do it. Wir bringen die Plattform und wir bringen die Dynamik.

Vinschgerwind: Sind da für Ende Jänner die Daumen zu heben?
Hannes Götsch: Definitiv.

Selbstbestimmtes Leben ermöglichen

  • Vorspann: Das Landesgesetz vom 14. Juli 2015 zur Inklusion und Teilhabe umfasst auch den Bereich „Persönliche Assistenz“. Diese soll Menschen mit Behinderung ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Doch zwischen Anspruch und Realität klafft eine große Lücke. In Südtirol hätten 1.000 Menschen Anrecht auf „Persönliche Assistenz“. Nur 18 Personen nutzen diese, weil die Hürden sehr hoch sind. Das soll sich nun ändern, auch mit Hilfe des Projekts SelAvi.
  • Dachzeile: Titel
  • Redakteur: Magdalena Dietl Sapelza
  • Redakteur Bild:

Vorausgeschickt: Anna Faccin ist Präsidentin des Vereins DEBRA Südtirol, und sie kämpft für alle Menschen mit Behinderung. Ihr Beispiel soll aufzeigen, um was es bei der „Persönlichen Assistenz“ geht. Anna lebt mit der Erkrankung Epidermolysis Bullosa und ist ein sogenanntes Schmetterlingskind. Sie hat damit eine körperliche Behinderung. Anna ist Projektmanagerin im Südtiroler Sanitätsbetrieb und zweifache Mutter. Als selbstbewusste, kämpferische Frau ist es ihr gelungen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen – auch mit Unterstützung der „Persönlicher Assistenz“. Sechs Stunden am Tag hat sie diese Assistenz. Diese richtet sich nach dem, was sie braucht, um den Alltag in Eigenständigkeit meistern zu können. Das Gesetz zur Inklusion und Teilhabe aus dem Jahre 2015 sieht eine Rückvergütung für „Persönliche Assistenz“ vor. Doch die Inanspruchnahme dieser Hilfe ist mit großen Hürden verbunden. „Das Land gibt dir das Geld, aber du musst dir alles selbst organisieren“, erklärt Anna. Das heißt, sie ist Arbeitgeberin mit allen damit verbundenen teils bürokratisch aufwändigen Auflagen. (Pflegeinstufung, Nachweis der Familiensituation und der finanziellen Kapazität mit EEVE, Antrag beim Sprengel und regelmäßige Hinterlegung von Berichten, Personalführung, Vorauszahlung, Steuerberatung usw).
Anna bewegt sich mittlerweile gut in dieser bürokratisch aufwendigen Struktur, um ihre Assistenz zu ermöglichen. Doch viele Menschen mit Behinderung, die ein Recht auf „Persönliche Assistenz“ hätten, sind mit den vielen Auflagen überfordert. Das belegen die Zahlen. In Südtirol hätten 1.000 Menschen Anrecht auf eine „Persönliche Assistenz“: Nur 18 Personen nutzen diese Unterstützung. Aus politischen Kreisen sind zwar immer wieder Verbesserungen angekündigt, doch bislang waren es meist gut gemeinte Lippenbekenntnisse. Anna kämpft seit zwei Jahren dafür, dass sich das ändert und, dass Maßnahmen getroffen werden, die den Zugang zur „Persönlichen Assistenz“ für alle Menschen mit Behinderung einfacher machen. Diese vom Gesetz vorgesehene Unterstützungsform soll besser bekannt und als Beruf institutionalisiert werden. Mit Anton van Gerven, Max Silbernagl und Silvia Rabanser hat Anna Verbündete gefunden.

Was ist die „Persönliche Assistenz“?

„Persönliche Assistenz“ bedeutet, dass Menschen mit Behinderung die Unterstützung erhalten, die sie bei der Bewältigung des Alltags brauchen, und gleichzeitig selbst entscheiden können, wie ihr Leben gestaltet wird. Der wichtigste Unterschied zur klassischen Pflege liegt in der Selbstbestimmung. „Persönliche Assistenz“ orientiert sich am Leben der assistenznehmenden Person. Diese gibt Anweisungen, legt Abläufe fest und bestimmt mit, wer sie begleitet. Im Mittelpunkt stehen Gewohnheiten, Bedürfnisse und Ziele, zu Hause, im Beruf, im Studium, bei Arztterminen oder in der Freizeit. Diese Unterstützung schafft Freiheit. Gleichzeitig schließen sich Pflege und Assistenz nicht aus - beides kann sinnvoll kombiniert werden, je nach Bedarf. Die unterstützende Person muss keine spezielle Ausbildung absolviert haben. Es braucht nur Empathie und Hausverstand. Doch auch eine Ausbildung ist immer willkommen. Für Menschen bedeutet „Persönliche Assistenz“ die Chance, in der eigenen Wohnung zu leben, soziale Kontakte zu pflegen, Alltagswege zu bewältigen und mehr Sicherheit zu haben. Welche Leistungen im Einzelfall übernommen werden, hängt von der persönlichen Situation ab. „Persönliche Assistenz“ ist damit weniger ein starres Hilfesystem, sondern ein Instrument, das Menschen unterstützt, ihr Leben so zu führen, wie es ihnen gefällt - mit Respekt, Verlässlichkeit und so viel Selbstbestimmung wie möglich.

Lücke zwischen Anspruch und Realität

Trotz vorhandener gesetzlicher Rahmenbedingungen, einzelner Angebote und eines grundsätzlich anerkannten Inklusionsgedankens bestehen nach wie vor große Lücken zwischen Anspruch und Realität. Das erklärt Anton van Gerven. „Persönliche Assistenz“ ist vielfach nicht verfügbar, unzureichend strukturiert oder mit hohem organisatorischem und emotionalem Aufwand für die betroffenen Personen und ihre Familien verbunden. In vielen Fällen bleibt die Verantwortung für Unterstützung, Organisation und langfristige Absicherung fast ausschließlich bei den Familien selbst. Diese Situation führt dazu, dass Selbstbestimmung, gesellschaftliche Teilhabe und gleichberechtigtes Leben oft nicht an den Bedürfnissen und Wünschen der betroffenen Menschen ausgerichtet sind, sondern an bestehende Systeme, Zuständigkeiten und Ressourcen. Vieles ist, um es auf den Punkt zu bringen, viel zu kompliziert, nicht zuletzt, weil jede Behinderung an sich für Betroffene und deren Angehörige Kraft kostet. Die finanzielle und organisatorische Kapazität, wie im Landesgesetz beschrieben, verlangt, dass die Menschen mit Behinderungen ihre eigene Wohnsituation finanziell und organisatorisch selbst gestalten müssen - eine Vorgabe die die wenigsten schaffen.
Anfang Dezember fand in Bozen die Tagung „Selbstbestimmt Leben“ für Menschen mit Behinderung statt, veranstaltet von Kolping Südtirol. Die Teilnehmenden waren Menschen mit Behinderung, Angehörige, Fachkräfte, Vertreter aus Verwaltung und Politik. In diesem Rahmen wurde das Assistenzprojekt SelAvi vorgestellt. Die Gründung des Projekts ist also aus einer klaren Notwendigkeit heraus entstanden. Im Austausch mit Menschen mit Behinderungen als auch mit deren Familien, zeigt sich seit Jahren, dass selbstbestimmte Assistenzmodelle, echte Inklusion und ein inhaltlich selbstbestimmtes Leben für viele Menschen mit Behinderungen nur schwer zugänglich sind. Genau an diesem Punkt setzt SelAvi an.

Pilotprojekt SelAvi startet

Das neue Projekt SelAvi startet im März 2026 unter der Trägerschaft von Kolping Südtirol. Kolping verfolgt die Vision, Menschen mit Behinderung und deren Angehörige zu unterstützen. Es geht auch darum junge Menschen bei der Umsetzung ihrer Ideen zu begleiten und sich aktiv für eine inklusive und solidarische Gesellschaft einzusetzen. Zunächst soll eine Anlauf- und Beratungsstelle geschaffen werden, die dann Dienstleistungsangebote rund um die Anstellung von persönlichen Assistenten/innen erweitert werden soll. Diese Haltung bildet auch die inhaltliche Grundlage des Projekts. SelAvi ist als Pilotprojekt konzipiert und wird über den Europäischen Sozialfonds (ESF+) finanziert. Die Projektlaufzeit beträgt zwei Jahre. Ziel des Projekts ist es, einen Probebetrieb aufzubauen, der mehrere Ebenen miteinander verbindet. Zusätzlich hat im Dezember ein Austausch mit dem Dachverband für Soziales und Gesundheit stattgefunden. In den ersten Monaten liegt der Fokus von SelAvi auf Strukturaufbau, Netzwerkarbeit, Informationsarbeit und der Vorbereitung konkreter Angebote. Im Verlauf der zwei Projektjahre soll schrittweise ein funktionierender Probebetrieb entstehen, der sowohl für betroffene Menschen als auch für politische Entscheidungsträgerinnen und -träger wichtige Erkenntnisse liefert. Ziel ist es, auf Basis realer Erfahrungen aufzuzeigen, was notwendig ist, damit „Persönliche Assistenz“ und selbstbestimmtes Leben langfristig tragfähig umgesetzt werden können.

Forderungen an die Politik

In Richtung Politik hat sich SelAvi klar positioniert. Die zentrale Forderung ist, dass Themen wie Inklusion und Zusammenarbeit nicht nur benannt und über die Köpfe der Menschen mit Behinderung behandelt werden, sondern konsequent weiterentwickelt und finanziell unterstützt werden müssen. „Wenn wir als Gesellschaft ernsthaft wollen, dass Menschen mit Behinderung selbstbestimmt leben können und, dass Familien nicht allein gelassen werden, dann müssen wir bereit sein, in entsprechende Initiativen zu investieren“, erklärt der Jugendreferent bei Kolping Südtirol Anton van Gerven.
Das bedeutet, dass die Arbeit von und mit Menschen mit Behinderung nicht ausschließlich im privaten Umfeld bleiben darf. Menschen, Initiativen und Projekte in diesem Bereich müssen unterstützt werden, damit das Inklusionsgesetz nicht nur eine leere Hülse bleibt. Wichtige Tipps könne sich Südtirol beispielsweise von Österreich holen, meint Anna Faccin, dort werde die „Persönliche Assistenz“ seit Jahren genutzt. Es braucht konkrete Investitionen, verbindliche Zeitpläne und eine Verwaltung, die nicht nur verwaltet, sondern gestaltet. Denn Inklusion ist kein Gnadenakt. Sie ist ein Menschenrecht. Für Menschen mit Behinderung bedeutet Inklusion nicht nur ein politisches Schlagwort, sondern eine konkrete Haltung. Es geht darum, Menschen ernst zu nehmen, ihre Lebensentwürfe zu respektieren und entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen.

 

 Projekt SelAvi Zielsetzung:

1. Aufklärung und Sensibilisierung rund um das Thema „Persönliche Assistenz“ und selbstbestimmtes Leben
2. Aktivierung und Stärkung der Menschen mit Behinderung, damit sie ihre Lebensentwürfe umzusetzen können
3. Gewinnung von Menschen, die als persönliche Assistenten/innen arbeiten möchten
4. Vernetzung bestehender sozialer Akteure/innen sowie sozialer Einrichtungen
5. Aufbau einer Beratungs- und Dienstleistungszentrale als Anlaufstelle für Betroffene, Angehörige und Interessierte.
Dabei geht es nicht darum, ein fertiges Modell vorzugeben, sondern gemeinsam mit den beteiligten Menschen zu lernen und das Projekt weiterzuentwickeln.

Die Initiative SelAvi soll im Frühjahr 2026 vorgestellt werden.

 

 „Persönliche Assistenz“ Voraussetzungen laut Landegesetz vom 14. Juli 2015:

1. Die Person muss eine bleibende Behinderung haben, die im Gesetz festgelegt ist
2. Sie muss eine Pflegeeinstufung haben
3. Sie muss in der Lage sein, ihre eigene Wohnsituation finanziell und organisatorisch zu gestalten
4. Sie muss bereit sein, die „Persönliche Assistenz“ selbst zu organisieren und zu nutzen.
5. Sie darf nicht im Familienbogen der
Herkunftsfamilie aufscheinen.
6. Die Person darf nicht in außerordentlichen Aufnahmeeinrichtungen leben.

 

Infos:
Anton Van Gerven, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. Tel.: 0471 30 85 19



Wenn Wälder brennen - Ursachen, Risiken, Resilienz

  • Vorspann: Schluderns/Latsch - Zwei Tage - zwei Orte: Das Format „Neu denken“ von der Europäischen Akademie EURAC und dort vom Center For Advanced Studies als Nachfolge der Churburger Wirtschaftsgespräche sei, so sagt es der Leiter des Center for Advanced Studies, Eurac Research, Harald Pechlaner, perfekt. Eine Veranstaltung findet immer in Schluderns statt und die zweite wechselt je nach Thema.
  • Dachzeile: Schluderns/Latsch
  • Redakteur: Erwin Bernhart
  • Redakteur Bild:

Wenn Wälder brennen: Ursachen, Risiken, Resilienz“ war das Thema der heurigen Vortragsreihe von Eurac Research. Der Auftakt war im Vuseum in Schluderns am 11. März.
Nach den Begrüßungen durch den Schludernser BM Heiko Hauser und dem Direktor der Raika Prad-Taufers, Werner Platzer, führte Harald Pechlaner in das Thema ein. Voriges Jahr war das Wasser Thema der Vorträge in Schluderns und in Graun, heuer sei es das Feuer. Ausgangspunkt für beide, so sagte es Pechlaner, sei der Klimawandel. Das Center for Advanced Studies an der Eurac Bozen habe es sich zur Aufgabe gemacht, globale Themen auf regionale Begebenheiten herunterzubrechen. „Unser interdisziplinärer Auftrag ist es, Themen, die Einfluss auf Gesellschaft, auf Wirtschaft, auf Politik und auf Wissenschaft haben, möglichst breit auszuleuchten und auf die regionalen Zusammenhänge hinzuweisen“, so Pechlaner.
Die Zeiten seien längst vorbei, dass man sage, Waldbrände beträfen ausschließlich den Süden Europas, Spanien, Portugal, Griechenland, Italien. Die Entwicklung ist bei uns angekommen, die zwei großen Waldbrände im vorigen Jahr in St. Martin im Kofl und in Prad haben das eindrücklich gezeigt. Es gebe global eine Zunahme der Waldbrandtage, also eine Zunahme an Tagen, an denen es heiß, trocken und windig ist - ideale Bedingungen für Waldbrände. In den vergangenen 45 Jahren habe sich die Anzahl dieser Tage verdreifacht. Die synchronen Brände, Brände an mehreren Orten gleichzeitig, haben zugenommen. Eine aktuelle Studie mit Beteiligung von Eurac Research projiziert im ungünstigsten Klimaszenario eine Zunahme von Waldbrandflächen um 183 %.
Wie gehen wir damit um? Was muss sich ändern?
Roman Horrer, der Präsident des Feuerwehrbezirkes Untervinschgau, eröffnet mit einem Nachzeichnen der Ereignisse rund um den Waldbrand bei St. Martin im Kofl, die Vorträge. Am 6. März 2025 ist um 13.33 der Alarm ausgelöst worden. Mit den Bildern der Webcam auf St. Martin am Kofl zeichnet Horrer das explosionsartige Ausbreiten des Brandes nach. Ursache für den Brand sei ein Autobrand gewesen. Mit drei Hubschraubern wurden 60 Bewohner evakuiert und durch Weißes Kreuz, Notfallarzt, Notfallseelsorge und Notfallpsycholgen betreut. Feuerwehrleute wurden hochgeflogen, waren dann wegen der einbrechenden Nacht so gut wie eingesperrt und mussten die Nacht in St. Martin verbringen. Die enorme Rauchsäule habe in Imst und in Zams die Zivilschutzmeldung ausgelöst. Diskutiert wurde, ob die Staatsstraße in der Latschander wegen möglichem Steinschlag gesperrt werden soll. Das habe man dann nicht getan.
Am Tag 2 war die Chaosphase vorbei. Landeshauptmann Arno Kompatscher habe sich vor Ort voll hinter die Einsatzleitung gestellt und das sei für die Moral der Einsatzleitung und der Feuerwehrleute enorm wichtig gewesen. Am Tag 3 wurden Löscharbeiten durch die Hubschrauber und Nachlöscharbeiten vor Ort ausgeführt. Am Tag 4 kamen Drohnen zum Einsatz für die Lokalisierung von Glutnestern. Horrer wies auf die sehr gute Zusammenarbeit aller beteiligten Organisationen hin. Wenn es um Hilfe gegangen sei, habe es nie ein Nein gegeben, das sei eine tolle Erfahrung gewesen.
Hinter den 12 Kilometer Löschleitungen, den 46 freiwilligen Organsationen, den 1333 Einsatzkräften, hinter den 12000 Einsatzstunden standen Menschen aus der Gesellschaft, stehen Freiwillige aus vielen Familien. Ähnlich wie in Prad habe es keine größeren Verletzungen gegeben. Eine gute Ausbildung, Hausverstand, Einsatz mit Vernunft haben für den letztlich erfreulichen Ausgang der Einsätze beigetragen.
Was für die vielen Feuerwehrmänner im Raum des Vuseums ein verarbeitender Rückblick war, war für die Zuhörer ein emotionaler Einblick in die Einsätze der Freiwilligen Organisationen. „Das müssen wir auf uns wirken lassen“, formulierte es Harald Pechlaner. Das Vereinswesen sei Ausdruck von gesellschaftlichem Zusammenhalt.

Mit dem Titel „Let it burn - mit dem Feuer leben“ setzte Mortimer Müller von der Boku Wien und per Internet zugeschaltet eine Anfangsprovokation in seinem Vortrag. Für rund 90 % der Waldbrände sei der Mensch Verursacher (weggeworfene Zigaretten als Hauptursache) für den Rest Blitzschläge. Glasscherben verursachen keinen Brand, das sei ein moderner Mythos. Für die Zukunft hatte Müller drei Vorschläge: Für die Feuerwehren neue Trainingsszenarien, neue Löschtechniken und neue Kooperationen. Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung für die Prävention und ein Brennstoffmanagement mit Entfernen von Totholz im Wald, mit kontrolliertem Abbrennen und vor allem durch gezieltere Beweidung.
In den letzten Punkten waren sich Müller und Judith Kirschner von der Uni Bern einig. Kirschner ging auf die Waldbrände in der Schweiz und im Besonderen auf das Tessin ein. Die Waldbrände im Tessin haben seit den 80er Jahren abgenommen, aufgrund besserem Management, besserer Ausrüstung der Feuerwehren, bessere Gesetzgebungen in Richung Feuerverbote. Für die Resilienz der Gesellschaft schlug Kirschner bessere Kommunikation von Gefahren vor, eine Diskussion über Feuerverbote und eventuell Zugangsverbote, Bearbeitungen von Erfahrungsgewinnen und eine Verbesserung der Löschinfrakstuktur vor.
In der Diskussion haben Roman Horrer und Heiko Hauser diese Löschinfrastrukur in Form von Löschteichen angesprochen, die ganzjährig mit Wasser befüllt sein müssten. Denn Waldbrände, so auch eine gemeinsame Erkenntnis, würden vor allem in der Zeit von Februar/März/April auftreten (auch Juli/August).
In der Diskussion wurde auch deutlich, dass man die aktuellen und kommenden Waldbranddimensionen bei uns so nicht kenne. Einer technisch geführten Diskussion wollte Herbert Raffeiner auch eine Verantwortungsdiskussion, eine Werte-Diskussion beistellen.

Im Schloss Goldrain begrüßen die Zuhörer am 12. März BM Mauro Dalla Barba und der Direktor der Raiffeisenkasse Latsch, Gerhard Rinner, mit Hinweisen auf Zusammenhalt und Verantwortung. Nach einer beeindruckenden Exkursion nach St. Martin im Kofl mit den Forstbehörden stehe der zweite Abend, so sagt es Harald Pechlaner, im Zeichen des Waldes, im Zeichen des Zusammenspieles zwischen Forstbehörden, Freiwilligen Feuerwehren und Zivilgesellschaft.
Mit Nikolaus Obojes vom Institut für Alpine Umwelt an der Eurac Research bietet ein Biologe Einblick in die Waldentwicklung und in die Waldnutzung seit der Jungsteinzeit. Die heutigen Funktionen des Waldes, von der Nutzwirkung Bau- und Brennholz, über die Schutzwirkung gegen Lawinen, Muren und Steinschlag, über die Wohlfahrtsfunktionen als Filter und CO2-Speicher bis hin zur Erholungsfunktion als Freizeitraum geben Anlass zu Diskussionen über Zielkonflikte. Mit dem Klimawandel, mit dem Ansteig der Temperaturen in kurzer Zeit, werde es zu einem Rückgang der Fichte und der Kieferarten kommen und Eichen werden vordringen. Extremereignisse, wie es Waldbrände und Windwürfe (Vaja) sind, verursachen auch Borkenkäferbefall. Obojes weist darauf hin, dass es aufgrund von Unsicherheiten und Risiken keine Patentrezepte gebe. „Wir müssen Sachen probieren“, sagt Obojes in Richtung Durchforstung in Richtung Baumartenvielfalt.

Andreas Platter vom Forstinspektorat Schlanders gab in seinem Vortrag einen beeindruckenden Einblick in die Aufgaben und Tätigkeiten der Forstbehörden. Das Vorbeugen von Waldbränden beinhalte die Waldbrandinfrastruktur, zu der Löschteiche, Wasserleitungen, Zufahrten u.a. gehörten, weiters eine Waldbrandeinsatzkarte, auf der alle Infrastrukturen eingezeichnet sind und so Einsätze der Feuerwehr, Hubschrauber und anderer Organsiationen gezielt uterstützt, das Abschätzen von Waldbrandrisiken und der Ankauf von Geräten und Material für die Vorbeugung und für den Einsatz. Der gesetzliche Rahmen überträgt die Waldbrandbekämpfung den Regionen und in der Autonomen Provinz Südtirol fällt der Forst die Aufgabe der Prävention, des Handels (in der Einsatzleitung gemeinsam mit der Feuerwehr) und des Wiederherstellens zu. Platter zeigte auch die laufenden Arbeiten auf den Brandflächen von St. Martin und von Prad auf.

In der abschließenden Diskussion mit Roman Horrer, Nikolaus Obojes, Andreas Platter und Judith Kirschner, geleitet von Jenny Ufer und Michael de Rachewiltz, kam es zu einem subsummierenden Aufruf, dass die Klimakrise und die Waldbrände im Wesentlichen ein gesamtgesellschaftliche Verantwortung darstelle und dass die Klimakrise im Besonderen vor allem eine politische Verantwortung sei. Vor allem sei auch an den Kommunikationskanälen zu feilen, vor allem vor dem Hintergrund, dass Waldbrände zu 90 % von Menschen ausgelöst würden.

Wir werden Energiegemeinschaft

  • Vorspann: Vinschgau - Vor einem Jahr ist in der Bezirksgemeinschaft Vinschgau die „Energiegemeinschaft Vinschgau EVi“ gegründet worden. Nach intensiver Vorbereitungszeit werben die Gemeinden nun damit, dass die Leute der Energiegemeinschaft beitreten sollen. Das biete Vorteile für alle. Ein viel beachteter Auftakt fand in Latsch statt.
  • Dachzeile: Titel
  • Redakteur: Erwin Bernhart
  • Redakteur Bild:
  • Weitere Fotos - 1: Groß war das Interesse bei der Auftaktveranstaltung im Culturforum in Latsch am 23. März 2026

Unerwartet viele sind ins Culturforum nach Latsch gekommen. BM Mauro Dalla Barba und BM Georg Altstätter haben noch zusätzlich Stuhlreihen einrichten müssen. Das Thema „Energiegemeinschaft Vinschgau“ macht offensichtlich neugierig. Am 23. März fand die Auftaktveranstaltung statt - die Energiegemeinschaft Vinschgau soll bekannt gemacht, deren Vorteile dargelegt und die Vinschger für diese Gemeinschaft, damit sie gut funktioniert, zum Beitritt bewogen werden.
Der Hausherr Mauro Dalla Barba bringt in seiner Begrüßung das Interesse mit aufkommenden Krisen mit Blick auf den Nahen Osten und den damit verbundenen Verteuerungen von Energie in Zusammenhang und auch der Marteller BM Georg Altstätter weist auf die große Abhängigkeit Europas von fossilen Energieträgern hin. Altstätter ist Obmann der am 25. März 2024, also genau vor zwei Jahren gegründeten Energiegemeinschaft Vinschgau, abgekürzt EVi. An der Gründung waren die 13 Gemeinden des Vinschgaus und die Bezirksgemeinschaft Vinschgau und die zwei Gemeinden Plaus und Naturns beteiligt. Im Vorstand sind neben Altstätter auch der Schludernser BM Heiko Hauser und der Latscher BM Mauro Dalla Barba. Mit Michael Wunderer von der E-Werk Prad Genossenschaft und vom Südtiroler Energieverband (SEV) und mit Alexander Telser vom Vinschgauer Energiekonsortium (VEK) beraten zwei Energiefachleute als technischer Beirat die Energiegemeinschaft.
Operativer Ansprechpartner ist Luca Daprá von der BASIS Vinschgau. Luca Daprá führt in Latsch in das Thema Energiegemeinschaft ein. Die Energiegemeinschaft Vinschgau ist als Teil des PNRR-Projektes Green Communities herausgewachsen und aus diesem Geldtopf wird sie bis zur operativen Phase finanziert. Mastermind hinter der Gründung und hinter der Anschubfinanzierung ist Michael Wunderer vom E-Werk Prad.
Die Energiegemeinschaft ist die konsequente Antwort auf eine zentrale Herausforderung der Energiewende: Immer mehr Strom wird dezentral erzeugt, aber die Netze sind dafür nur begrenzt ausgelegt. Statt weiter auf den Ausbau zentraler Strukturen zu setzen, schafft die Energiegemeinschaft eine lokale Lösung: Erneuerbare Energie wird vor Ort genutzt, geteilt und optimiert. Das reduziert Netzbelastungen, erhöht die Effizienz und stärkt gleichzeitig die regionale Wertschöpfung. Gerade mit dem weiteren Ausbau von Photovoltaik- und Windkraftanlagen wird dieses Modell zu einem unverzichtbaren Baustein einer stabilen und zukunftsfähigen Energieversorgung.
„Für die geteilte Energie bekommt man Förderungen“, sagt Luca Daprá. Wenn also die erzeugte Energie mittels Photovoltaik direkt innerhalb der Gemeinschaft verbraucht wird, gibt es Zuschüsse. Vorausgesetzt, sowohl der Erzeuger als auch der Verbraucher sind Mitglied einer Energiegemeinschaft. In der EU ist es politischer Wille, dass solcherart geteilte Energie gefördert wird und Italien hat die EU-Richtlinie in ein eigenes Dekret umgewandelt. Komplizierter zwar als in Österreich wird in Latsch gesagt, aber sinnvoll und mit gutem Willen durchaus umsetzbar.
Auf derzeit 4 Cent für den Erzeuger als zusätzlichen Erlös zum Marktpreis und auf etwa 5 Cent für den Verbraucher als Gutschrift schätzt Luca Daprá diese Art der Förderung pro Kilowattstunde. Man werde dabei nicht reich, ein Zuckerle sei es allerdings allemal. Wenn’s funktioniert, werden auch die Verluste im Stromnetz erheblich reduziert.
Aktuell hat die Energiegemeinschaft Vinschgau EVi 89 Mitglieder bei 144 registrierten PODs (Einspeise- oder Entnahmepunkte für elektrischen Strom). Die installierte Leistung, also die Stromleistung, die der Energiegemeinschaft derzeit zur Verfügung steht, ist aktuell 490 Kilowatt (peak). Die EVi ist also noch in den Kinderschuhen.
Aber, so sagt es Luca Daprá, es seien derzeit Photovoltaikanlagen mit einer Leistung von 4,5 Megawatt geplant und in der Genehmigungsschiene und die würden voraussichtlich im Sommer 2026 mit voraussichtlich 72 neuen Mitgliedern ans Netz gehen.
Das ist Musik auf der Erzeugerseite - von daher ist der Aufruf an die Verbraucher, der Energiegemeinschaft beizutreten, verständlich.
Thomas Gasteiger, der Präsident des Südtiroler Energieverbandes SEV, ruft den Vinschgern zu, die Chance zu nutzen und an das Modell Energiegemeinschaft zu glauben. Denn bei den Förderungen handle es sich um Steuergelder und die können so in die Region geholt werden. Tut das der Vinschgau nicht, werden andere diese Steuergelder abholen. Gasteiger spricht aus Erfahrung. Denn er ist Obmann der Erneuerbaren Energie Genossenschaft Tauferer Ahrntal. Diese Energiegemeinschaft schreibt auf ihrer Webseite: „Als erste offiziell anerkannte Energiegemeinschaft in Südtirol nutzen wir die Potenziale erneuerbarer Energien in unserem Einzugsgebiet und tragen so zur nachhaltigen Energieversorgung bei. Unser Ziel ist es, ökologische, wirtschaftliche und soziale Vorteile für unsere Mitglieder sowie die lokale Gemeinschaft zu schaffen. Wir übernehmen soziale Verantwortung, indem wir die Gemeinschaft stärken, lokale Initiativen fördern und der gesamten Bevölkerung vor Ort Vorteile bieten.“
Ja wenn’s die Tölderer geschafft haben, sollen die Vinschger kneifen? Wie kompliziert ist das Ganze? Wie lukrativ? Was muss man tun, um der EVi beizutreten?

Mauro Dalla Barba fasst es zum Schluss so zusammen: Der Stromanbieter ändert sich nicht, man braucht also nicht zu wechseln. Die Abrechnungen erfolgen auf den Stromrechnungen. Stromanbieter, Stromkosten und Einnahmen bei den Produktionsanlagen ändern sich nicht.
Eine Mitgliedschaft bei der Energiegemeinschaft kostet für den privaten Konsumenten einmalig 25 Euro und für Unternehmen und private „Prosumer“ (also gleichzeitig Stromerzeuger und Stromverbraucher) einmalig 100 Euro.
Dann kommen noch 25 Euro Bearbeitungsgebühren hinzu und gestaffelte Beträge für Produzenten je nach Leistung.
Die Formulare, sagt Luca Daprá sind unter evi-energie.it online abrufbar.
Die Verwaltung der Förderungen innerhalb der Energiegemeinschaft betrifft das Gebiet von Reschen bis Plaus. Allerdings gibt es eine Unterteilung in 6 Gebiete und zwar laufen die Förderungen nur auf den Einzugsgebieten von Primärkabinen. Zwischen Reschen und Plaus gibt es nämlich 6 Primärkabinen.

Es gibt ein paar Einschränkungen. So dürfen Großbetriebe nicht mittun. Das hat die Frage in der Diskussion ergeben, ob etwa eine Obstgenossenschaft Mitglied der Energiegemeinschaft werden kann. Ausgeschlossen sind auch jene Photovoltaikanlagen, die einen Vertrag „scambio sul posto“ haben. Es gilt: Jene Produktionsanlagen, die nach er Gründung der Energiegemenschaft im März 2024 ans Netz gegangensind, sind zu einem Beitritt berechtigt. Alle Anlagen, die vor dem März 2024 ans Netz gegangen sind, können der Energiegemeinschaft nicht beitreten.
Auf der anderen Seite sind Überlegungen zu machen, ob Ladesäulen für E-Autos als Verbraucherpods eingetragen werden können und so auch E-Autofahrer als Konsumenten an den Förderungen profitieren können.
Klar hervorgegangen ist eines: Je mehr Mitglieder in der Energiegemeinschaft sind, desto geringer fallen die Verwaltungskosten ins Gewicht und desto höher fallen die Förderungen aus.

 

Was ist eine Energiegemeinschaft?

- eine nicht gewinnorientierte juristische Person
- es ist ein partizipatives Energiemodell;um den Fördertarif zu generieren, benötigt eine Energiegemeinschaft Erzeuger und Verbraucher
- umfasst das Territorium auf einer oder mehrerer Primärkabinen