Dienstag, 12 September 2017 12:00

Bio: Gemeinsam Visionen entwickeln und umsetzen

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s10 Reinhard Verdorfer BiolandVinschgerwind-Interview

Vinschgerwind:Im Jahre 1991 wurde der „Bioland Verband Südtirol“ von 10 Obstbauern gegründet. Das waren damals Pioniere, die mehr belächelt als beachtet wurden. Wie sieht es heute aus?
Reinhard Verdorfer: Gandhi sagte: jede neue Strömung wird zuerst ignoriert, dann belächelt, später bekämpft und dann angenommen.

Die Biobauern haben auch diese ganzen Phasen durchgemacht. Heute werden die Biobauern akzeptiert, Bio ist in der Gesellschaftsmitte angekommen, die biologische Landwirtschaft ist ein Teil der Landwirtschaft und Bioland ein Teil davon. Wir erhalten zunehmend Zuspruch durch Berufskollegen und  Konsumenten. Bioland Südtirol hat heute 625 Mitglieder.

Vinschgerwind: Was sind die Grundprinzipien des Biolandbaus?
Verdorfer: Bioland kennt sieben Prinzipien: die Kreislaufwirtschaft ist das Grundprinzip des organisch-biologischen Landbaus. Es geht darum die Bodenfruchtbarkeit zu fördern und Tiere artgerecht zu halten. Ein weiteres Grundprinzip ist es wertvolle Lebensmittel zu erzeugen unter Einsatz von natürlichen und naturidenten Betriebsmitteln und ohne gentechnisch veränderte Organismen. Die biologische Vielfalt soll gefördert und die natürlichen Lebensgrundlagen bewahrt werden. Das siebte Grundprinzip heißt, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und den Bauern eine lebenswerte Zukunft zu sichern. Insgesamt ist es ein ganzheitliches System, das über die EU Richtlinien für Biobetriebe hinausgeht.  
Vinschgerwind: Gibt es viele Betriebe, speziell im Vinschgau, die in den letzten Jahren von der konventionellen auf biologische Wirtschaftsweise umgestellt haben, was sind die Motive?
Verdorfer: In den letzten beiden Jahren gab es eine Zunahme von jeweils 10%. Besonders in der Obstwirtschaft im Unter- und Mittelvinschgau haben viele umgestellt, insgesamt mehr als 100 ha im letzten Jahr und rund 100 ha in diesem Jahr, insgesamt 30 Betriebe heuer und im letzten Jahr. In der Viehwirtschaft haben weniger Betriebe umgestellt, aber auch dort ist ein Aufwärtstrend erkennbar. Dietmar Battisti von Bioland und Christian Gamper von der VI.P. Abteilung Bio sind jene, die alle Punkte mit den interessierten Obstbauern durchbesprechen. In der Viehwirtschaft ist das Christian Kofler. Für die Umstellung gibt es ökonomische, aber vor allem gesellschaftspolitische Gründe. Die weit verbreitete Erkenntnis, dass Bio bei der Diskussion um die Zukunft der Landwirtschaft eine zunehmend wichtigere Rolle spielt, ist einer der Hauptgründe. Auch persönliche Einstellungen der jungen Betriebsübernehmer spielen eine Rolle. Sie sehen, dass Bio eine Herausforderung ist, aber auch ein Zeichen der Zeit, das sie ausprobieren und umsetzen wollen.

Vinschgerwind: Was muss bei der Umstellung beachtet werden, welche Risiken geht ein Betrieb ein?
Verdorfer: Das Risiko liegt vor allem in der Umstellungszeit. In der Viehwirtschaft dauert die Umstellung mindestens 6 Monate, beim Ackerbau 24 und beim Obstbau 36 Monate. Wir können nur beraten. Das Risiko durch Frost oder Hagel können wir nicht abnehmen. Die Beratung durch den Beratungsring ist heute so gut aufgestellt wie noch nie. Eugen Tumler vom Beratungsring und die Umstellungsberater leisten sehr gute Arbeit.

Vinschgerwind: Es gibt eine gesellschaftliche Diskussion über die Zukunft der Landwirtschaft.
Verdorfer: Diese gesellschaftliche Diskussion ist sehr wichtig, andererseits ist es mir ein Anliegen und ein Wunsch die Konsumenten auch auf ihre Verantwortung hinzuweisen. Der Konsument gestaltet durch seinen Einkauf die Landwirtschaft. Wir haben ein Projekt, das heißt „Solidarische Landwirtschaft“ in Dorf Tirol. Der Konsument bezahlt monatlich eine bestimmte Summe und holt sich wöchentlich seine Produkte beim Bauern ab. Er redet mit den Bauern und diese erfahren wie ihre Produkte ankommen. Solche Projekte bräuchte es mehr. Sie gehen weit über ökonomische Ziele hinaus, es kommt zu einem Meinungs- und Erfahrungsaustausch über die Lebenswelt des anderen.  

Vinschgerwind: Wie entwickelt sich die Biolandwirtschaft weiter?
Verdorfer: Die Beratung und Umstellungsberatung ist unser Kerngeschäft. Nun geht es um die Weiterentwicklung des Biolandbaus, die Werkzeuge und das Wissen, aber auch die Herangehensweise haben sich verändert. Neben der Beratung geht es um die Koordination der gesamten Wertschöpfungskette. Mit Christoph Pircher aus Latsch  haben wir eine wichtige Person, welche die Betreuung des gesamten Prozesses vom Saatgut zur Produktion über die Verarbeiter, die Genossenschaften bis zum Verkauf, dem Marketing übernimmt. Damit können  wir die gesamte Wertschöpfungskette unterstützen, beraten und vor Unrechtmäßigkeiten schützen.

Vinschgerwind: Ist ein Nebeneinander von Biolandwirtschaft und konventioneller bzw. integrierter Landwirtschaft möglich oder muss sich ein Gebiet für die eine oder andere Anbauweise entscheiden?
Verdorfer: Ein Nebeneinander muss möglich sein. Jeder Bauer muss die Freiheit haben, auf seinem Grundstück biologisch oder konventionell zu arbeiten. Kommt es zu Abdrift auf Nachbarflächen ist der Verursacher zur Rechenschaft zu ziehen. Hier wird sich in Zukunft noch einiges tun, da die Laborergebnisse immer genauer werden und die Faktenlage somit laufend klarer wird. Die Abtrifttechnik muss weiterentwickelt werden, es braucht natürliche Barrieren, z.B. Hecken, die zum einen optisch positiv wirken und zudem ökologisch interessant sind. Insgesamt geht es um eine qualitative Aufwertung der Obstanlagen. Qualität und nicht Quantität ist heute wichtig, weil die Qualität über den Preis entscheidet. Heute fragen sich nicht nur die Konsumenten, sondern auch die Händler: Was bietest du für eine Qualität? Bei einer Überproduktion ist die Qualität ausschlaggebend. Wir haben als erste zusammen mit dem Beratungsring –mit Unterstützung der Abteilung Landwirtschaft- eine „Landwirtschaftliche Naturschutzberatung“ eingeführt. Es gibt eine eigene Person, damit mehr Naturschutz auf den Obstflächen zum Tragen kommt.

Vinschgerwind: Werden Biobetriebe vom Land besonders gefördert?  
Verdorfer: Früher wurden die Bio-Kontrollen der Biobetriebe gefördert, jetzt nicht mehr. Die Flächenförderung bei Biobetrieben ist fast gleich hoch wie im konventionellen Bereich. Hier würde sich der Biolandbau sicher über eine zusätzliche Unterstützung freuen, da auch der bürokratische Aufwand höher ist, außerdem wäre es ein wichtiges politisches Zeichen. Einige Nischenprodukte werden zudem in Biobetrieben überhaupt nicht gefördert, wie der Kastanienanbau oder die Imkerei. Wir sind in einem guten Austausch mit der Landwirtschaftspolitik. Ich glaube, man hat erkannt, dass Bioland als größter Bio-Verband  in Südtirol unserem Land gut tut und positive Akzente in der Landwirtschaftspolitik setzt. Wichtig ist auch eine stärkere Förderung der Forschung in der Biolandwirtschaft.

Vinschgerwind: Wie ist die Zusammenarbeit mit anderen Instituten und Bioverbänden?
Verdorfer: Bioland Südtirol ist eng verbunden mit Bioland Deutschland. Durch Bioland sind wir mit allen Bioverbänden in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien im Austausch. Das wichtigste Forschungsinstitut für Bioanbau ist FiBL, das Forschungsinstitut für Biologischen Landbau mit dem Hauptsitz in der Schweiz. Das Institut hat 200 Mitarbeiter und macht heute europaweit Forschungsarbeiten ausschließlich im Bioanbau. Auch mit Markus Kelderer von der Laimburg und seinem Team, das Forschungen ausschließlich im Biolandbau macht, gibt es eine lange und fruchtbare Zusammenarbeit.  

Vinschgerwind: Pestizidfreie Gemeinde Mals bzw. Bioregion Obervinschgau  bzw. Vinschgau. Kann der Vinschgau eine Vorreiterrolle für die Biolandwirtschaft spielen?
Verdorfer: Wie das Kind getauft wird, ist zweitrangig. Wichtig ist jetzt, dass alle Beteiligten sich an einen Tisch zusammensetzen und – jenseits von persönlichen Unstimmigkeiten - eine Vision entwickeln. Wichtig ist, dass es keine Verlierer geben darf! Dann geht es zur gemeinsamen Umsetzung von Visionen und Zielen. Ich bin überzeugt, dass der Obervinschgau bzw. der ganze Vinschgau viele Potentiale für die dort lebenden Menschen und für ganz Südtirol hat, wenn man das geschickt angeht.

Interview: Heinrich Zoderer

Weitere Infos:
www.bioland-suedtirol.it oder www.bioinsuedtirol.it

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