Dienstag, 23 Januar 2018 00:00

Ich bevorzuge bodenständige und ehrliche Materialien.

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s35 5729Die Interviewreihe im Wind - Architekten im Gespräch - geht mit dem Naturnser Architekt Gernot Lesina Debiasi weiter.

Vinschgerwind: Herr Lesina Debiasi, wie sind Sie zur Architektur gekommen?
Gernot Lesina Debiasi: Die Entscheidung fiel eigentlich recht früh. Dadurch, dass mein Vater planerisch tätig war, habe ich ihn bereits als kleines Kind am Schreibtisch gesehen oder auch auf Baustellen begleitet. Das hat mich beeindruckt und deshalb habe ich auch früh gewusst, dass ich Architekt werden will.
Vinschgerwind:Ihr beruflicher Weg war also immer schon klar?


Gernot Lesina Debiasi: Ja, der war immer klar.
Vinschgerwind:Wie wohnen Sie selbst?
Gernot Lesina Debiasi: Ich wohne in einer Dachgeschosswohnung in Naturns, die ich selbst ausgebaut habe, mit einem relativ kompakten Wohnraum und nach eigenen Bedürfnissen ausgerichtet.
Vinschgerwind:Wie muss man sich das konkret vorstellen: Wohnen Sie offen?
Gernot Lesina Debiasi: Ja, wir wohnen
offen mit einem schönen, großzügigen Wohn-Essbereich, gegen Süden ausgerichtet, mit viel Licht und einer schönen Dachterrasse. Und ich habe den Vorteil, dass ich praktisch zu Fuß meine Arbeitsstelle hier in Naturns erreiche.

Vinschgerwind: Wenn Sie an Ihrer
Dachgeschosswohnung etwas anders machen könnten, was würden Sie ändern?
Gernot Lesina Debiasi: Es ist so, der Mensch ändert sich im Laufe der Zeit, es ändern sich die Bedürfnisse, die Interessen, da sollte ein Wohnraum bis zu einem gewissen Grad mitspielen. Um den verschiedenen Änderungen den optimalen Platz zu ermöglichen, ist es notwendig offen und frei geplant zu haben.
Vinschgerwind: Was ist für Sie Architektur?
s36 schreyer km 02Gernot Lesina Debiasi: Das ist eine schwierige Frage. Architektur ist ein sehr komplexer Begriff. Architektur ist auch nicht einfach zu erfassen. Wir sind ständig von Architektur umgeben. Natur, Raum, Licht, Luft, Landschaft - das alles ist Architektur. Generell stehen wir Menschen immer im Dialog mit Architektur, wenn wir es auch nicht unmittelbar so wahrnehmen. Es gibt kaum mehr einen Raum, der nicht durch den Menschen oder die Natur gestaltet wurde. Architektur ist für mich das Zusammenspiel und der Dialog zwischen den verschiedenen Bedürfnissen, Faktoren und Einflüssen.
Vinschgerwind: Woher nehmen Sie die Inspiration?
Gernot Lesina Debiasi: Generell ist es so, dass die Planung teilweise durch die Bedürfnisse der Bauherren vorgegeben wird. Dabei lasse ich mich von allem Möglichen inspirieren: Dem Bauplatz, den Ideen der Bauherren, der Umgebung, der Natur. Das sind Eckpfeiler, wenn man an ein Bauprojekt herangeht. Dazu zählen auch Licht, Texturen, vorhandene Strukturen und Nachhaltigkeit. Die Materialien sind dabei für mich zum Beispiel sehr wichtig.
Vinschgerwind: Wenn ich hier einhaken darf: Erkennt man Bauten aus der Feder von Architekt Gernot Lesina Debiasi an den eingesetzten Materialien. Oder woran erkennt man einen Bau, den Sie geplant haben?
Gernot Lesina Debiasi: Schwierig. Denn ich sehe Architektur nicht als Eigendarstellung. Ich muss mir kein Denkmal setzen. Das ist auch nicht die Aufgabe der Architektur. Hauptaufgabe ist, das Optimum an Behaglichkeit, Wohlgefühl und Aufteilung für die
Bauherren herauszuholen. Eine angemessene Nutzung des Innenraums ist dabei ein ausschlaggebender Punkt.
Vinschgerwind: Welchen Materialien bevorzugen Sie?
Gernot Lesina Debiasi: Ich bevorzuge bodenständige und ehrliche Materialien. Ich zeige gerne tragende, verkleidende und transparente Elemente in ihrer Funktion. Materialien oder Elemente, die verblenden oder kaschieren versuche ich zu vermeiden.
Vinschgerwind: Holz, Stein Beton?
Gernot Lesina Debiasi: Ja, das sind Holz, Naturstein und Beton zudem aber auch Glas und roher Stahl.Beton ist für mich ein sehr wichtiges Element, das sich durch alle meine Projekte zieht. Ich verarbeite
Sichtbeton sehr gerne und versuche die Funktion, die Textur und die Wirkung des Materials immer spürbar einzusetzen. Das finde ich sehr wichtig. Die verschiedenen Materialien und ihre Eigenschaften erzeugen in ihrer Verbindung und Anordnung Kontraste und Akzente, die zu einem harmonischen Ganzen werden.
S36 Holzener k41 02s36 Holzner ld51 03Vinschgerwind: Themenwechsel: Architekten sind oft Theoretiker, praktisch - auf der Baustelle - happert’s manchmal. Was sagen Sie dazu?
Gernot Lesina Debiasi: Das kann ich nicht bestätigen. Wir arbeiten sehr genau bis ins Detail und reden
Detailfragen schon sehr früh mit den Bauherren aus, aber auch mit den Handwerkern. Natürlich gewinnt man mit den Jahren an Erfahrung. Das ist von Vorteil, aber wichtig ist der Dialog und die Zusammenarbeit mit guten Fachfirmen. Ich kann sagen, dass viele Handwerker einen hohen Anspruch an ihre Arbeit haben und Spitzenleistungen erbringen wollen.  Das Bewusstsein zwischen Architekten und Handwerker ist vorhanden, konstruktiv am Projekt zusammen zu arbeiten, anstatt sich anzufeinden.
Vinschgerwind: Welches Ihrer realisierten Projekte ist Ihnen besonders ans Herz gewachsen?
Gernot Lesina Debiasi: Das ist schwierig zu beantworten. Es ist im Grunde immer jenes Projekt, an dem ich unmittelbar arbeite und mit dem ich dann eigentlich verwachsen bin.
Vinschgerwind: Das wäre momentan?
Gernot Lesina Debiasi: Das ist momentan das
Modehaus Gritsch, das fast fertiggestellt ist. Es ist deshalb ein interessantes Projekt, weil es mitten in Naturns liegt. Es ist eine große Herausforderung im Ortszentrum ein stattliches Gebäude an prominenter Stelle - einer Schlüsselstelle – modern umzugestalten, ohne das Ortsbild zu stören. Man sollte an solchen Stellen natürlich nichts bauen, das sich im Dorfbild nicht einfügt oder umliegende Maßstäbe sprengt.
Das Gebäude hat durch größere Fensteröffnungen und Schaufenster, vor allem an der bislang vernachlässigten Nordseite, an Qualität gewonnen. Bisher hatte man hatte das Gefühl, Richtung Schlossweg sei das Dorf zu Ende.  Zudem konnte ich im Laufe der Zeit im Dorfzentrum von Naturns mehrere Gebäude realisieren, das Gebäude der Raiffeisenkasse, Sport- und Modegeschäft Schgör, das Dorfcafè - alle diese Gebäude sind in unmittelbarer Nähe des Kaufhauses Gritsch. Es ist eine besondere Freude dem Zentrum ein weiteres Teil hinzuzufügen.

Vinschgerwind: Gibt es ein Projekt im Vinschgau von dem Sie sagen: Das ist architektonisch ein Vorzeigebau.
Gernot Lesina Debiasi: Es ist so, es gibt gewisse Meilensteine in der Architektur. Es gibt einige historische Bauernhäuser und Kapellen im Vinschgau, die mich durch ihre ehrliche und klare Verwendung von Materialien überzeugen. Ein sehr interessantes Bauwerk im Vinschgau ist das Kanonikus-Michael Gamper Heim von Architekt Helmut Maurer aus den 70er Jahren in Mals. Das ist ein Projekt das zeitgeschichtlich im Vinschgau ein Meilenstein ist. Die puristische Formsprache und die klare Linie in der Wahl und der Anwendung von Beton machen es zu einem besonders außergewöhnlichen s37 Gritsch Naturns 01s37 1606Gebäude seiner Zeit, das bis heute seine Gültigkeit beibehalten hat. Ein weiteres Gebäude, das ich sehr spannend finde ist das E-Werk in Naturns, welches 1964 von Jole Zamolo, Willy Gutweniger und Gigi Dalla Bona errichtet wurde und sehr an den Stil von Le Corbusier erinnert.
Vinschgerwind: Ihre Meinung: Muss Architektur kompromisslos sein, um zu wirken?
Gernot Lesina Debiasi: Ein Kompromiss ist eher negativ behaftet, als würde man nachgeben, etwas verlieren, auf etwas verzichten. Kompromisslos ist deshalb etwas ungünstig ausgedrückt. Denn Architektur entsteht immer im Dialog zwischen Möglichem und Erwünschtem.
Vinschgerwind: Dann stelle ich die Frage anders: Wie kann Architektur wirken?
Gernot Lesina Debiasi: Architektur kann durch Ausrichtung, Größe, Licht und Schatten sowie Materialwahl wirken. Entscheidend ist dabei immer die richtige Balance aus allen Faktoren.
Vinschgerwind: Themenwechsel: Wenn wir nach Südtirol blicken, vielleicht auch darüber hinaus: Wo reiht sich der Vinschgau architektonisch ein, wohin
entwickelt sich die Architektur hier?
Gernot Lesina Debiasi: Es wird zur Zeit viel gebaut. Es entstehen viele interessante und neue Bauten an denen man den Versuch Innovatives zu schaffen, ablesen kann. Aber der Gegenwind war noch nie so stark gegen moderne Architektur.
Vinschgerwind: In den Gemeindestuben?
Gernot Lesina Debiasi: In den Gemeindehäusern aber auch in der allgemeinen Meinung. Das Problem ist schon, dass immer größere Strukturen gebaut werden. Das macht natürlich auch Unmut. Die Vinschger Architektur steht, das ist meine Meinung, derzeit etwas unter Druck und hat schon bessere Zeiten gehabt. Offenheit gegenüber dem Zeitgeist wäre oft gefragt.
Vinschgerwind: Ist das politische Instrument der Baukommissionen zu überdenken?
s38 Alber ld51 01Gernot Lesina Debiasi: Vielleicht schon, ganz einfach, weil es ein politisches Gremium ist. Vielleicht bringt das neue Urbanistikgesetz eine Änderung. Eine Vorkommission mit Handwerkern, Bauernvertreter usw. kann durchaus ihre Bedenken äußern, aber entscheiden sollte dann eine Fachjury.
Vinschgerwind: Wenn Sie sich einen Traum erfüllen könnten: Was würden Sie gerne bauen?
Gernot Lesina Debiasi: (lacht).
Vinschgerwind: Wenn man zum Träumen eingeladen wird, dann gehen meist die Fragen aus.... Scherz beiseite.
Gernot Lesina Debiasi: Ich muss sagen, ich habe eigentlich keinen Traum, ich habe meinen Traumberuf. Jedes neue Projekt ist eine Herausforderung und ist daher aufs Neue spannend.
Vinschgerwind: Haben Sie in ihrem Portfolio alles gesammelt: Von Kirchen über Häusern bis hin zu
öffentlichen Bauten. Walter Dietl sagte im Wind-Interview zum Beispiel: Er möchte noch eine Kapelle bauen.
Gernot Lesina Debiasi: Nein, eigentlich nicht. Ich bin wunschlos glücklich und gespannt, was noch alles auf mich zukommt.
        Interview: Angelika Ploner

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