Dienstag, 10 Januar 2012 00:00

„Arbeiten bei Schweitzer ist ein brutal harter Job“

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Interview mit Bernhard Schweitzer - Schweitzer AG Naturns

s12_0872„Vinschgerwind“: Herr Schweitzer, Sie sagen, Sie übernehmen lokale Verantwortung. Ladenbautechniker wollen Sie ausbilden. Was hat es damit auf sich?
Bernhard Schweitzer: Zunächst muss man unsere Firmengeschichte vorausschicken. Die Firma Schweitzer gibt es seit über 80 Jahren. Sie ist von meinem Großvater gegründet, dann von meinem Vater über 50 Jahre weitergeführt worden. Seit 15 Jahren bin ich im Unternehmen. Seit Beginn der 70er Jahre sind wir nun am Standort in Naturns. Von hier aus haben wir uns in verschiedene Länder weiterentwickelt und sind in ganz Europa, Nordamerika und im mittleren Osten tätig. Unseren Kunden, die hierher kommen, muss man immer wieder erklären, wo Südtirol ist, wo Vinschgau und Naturns sind. Es ist ein interessanter Gegensatz, denn wir haben in Südtirol – hier im Vinschgau – immer die Menschen gefunden, mit denen wir imstande sind, weltweit zu arbeiten. Die Menschen, die den nötigen Willen haben und die in der Lage sind, die Firma Schweitzer zu vertreten.

Das Humankapital vor Ort.
Richtig.

Ein für die Firma Schweitzer also sehr produktives Humankapital?
Wir wissen, dass der Südtiroler Arbeitsmarkt nicht ganz einfach ist. Daher haben wir viele Jahre die Strategie verfolgt, in den Niederlassungen einheimisches Personal anzustellen – zum Beispiel in Mailand, Basel, Moskau oder in London. Daraufhin haben unsere Kunden jedoch oft gesagt: ‚Wir haben zwar jetzt einen Schweizer oder einen Franzosen, der uns betreut. Aber könnten Sie uns nicht noch einmal einen Südtiroler schicken?’ Es wurden Aussagen gemacht, wie: ‚Mit den Südtirolern haben wir’s angenehmer, unkomplizierter.’ Die Südtiroler sind immer darauf aus, eine Lösung zu finden. Die Mentalität des Dienens, des Kundenverwöhnens ist in Südtirol stark, weil hier zwei Mentalitäten, zwei Kulturen vertreten sind und weil Gastronomie und Tourismus eine große Rolle spielen.

Es ist also eine Mentalitätsfrage und mit dieser Ausbildung zum Ladenbautechniker macht die Firma Schweitzer eine Maßschneiderung für den eigenen Betrieb.
Ganz genau. Wir gehen sogar noch einen Schritt weiter. Wir haben angefangen, die Ausbildung zum Ladenbautechniker ohne große Publicity intern zu starten. Die Leute sprechen sehr stark darauf an. Das möchten wir jetzt erweitern und ganz klar sagen: Wir brauchen nicht nur Ladenbautechniker, sondern auch andere Berufsbilder. Junge Designer, Montage- und Bauleiter, bzw. junge Projektleiter, die wir in ähnlichen Programmen ausbilden wollen. Es ist perfekt, wie Sie’s formuliert haben: maßgeschneidert für die Firma Schweitzer. Allerdings mit dem Zusatz, dass wir junge Menschen an uns binden wollen, die nicht nur hier in Südtirol arbeiten, sondern denen wir die Möglichkeit geben, in allen Niederlassungen der Firma Schweitzer tätig zu werden. Wir möchten in allen Firmen der Gruppe ganz gezielt Südtiroler einsetzen.

Kann man umgekehrt sagen, dass jenen, die ein solches maßgeschneidertes Ausbildungsprogramm durchlaufen, die Welt offen steht?
Denen steht die Welt offen. Wir müssen aber einer Sache Rechnung tragen: Arbeiten bei der Firma Schweitzer ist nicht einfach, das ist ein brutal harter Job. Es fängt schon damit an, dass wir – wenn’s  hoch kommt – vier, fünf Prozent unseres Umsatzes in Südtirol selbst machen. Den größten Teil des Umsatzes machen wir europa- und weltweit. Unsere Mitarbeiter sind eigentlich dazu gezwungen, von hier aus zu starten, um Termine oder Projekte zu begleiten und das ist schon rein verkehrstechnisch nicht einfach. Das bedeutet, irgendwann in der Nacht aufzustehen, loszufahren, um in Verona oder München den ersten Flug zu nehmen. Außerdem wird das Business der Firma Schweitzer, der Ladenbau den wir für die europaweit größten Einzelhändler machen, auch immer hektischer und schneller.

Was heißt für die größten Einzelhändler?
Wir sind heute einer der wichtigsten Partner von H&M in Europa. Wir arbeiten für C&A, für Nespresso, für Kunden in Deutschland wie Karstadt und Kaufhof. In Italien für Rinascente. Printemps in Frankreich und Waitrose in London. Wir arbeiten überall für die größten Namen.

Mehr geht fast nicht. In Moskau?
In Moskau haben wir viele westeuropäische Marken betreut. Parallel dazu hat mein Vater schon früh angefangen, Büros in Moskau aufzubauen. Wir haben heute fünf Leute in Moskau, die die gesamte Logistik und Projektleitung vor Ort abwickeln.

Welche Vor- oder Nachteile hat Südtirol im Allgemeinen und Naturns im Besonderen als Standort für ein internationales Unternehmen wie es Schweitzer ist?
Es hat einen gewissen Reiz für große Gruppen, denn niemand versteht so richtig, wo wir herkommen. Südtirol ist durch die Zwei-Sprachen-Situation sehr speziell, denn „eigentlich sind wir ja Italiener, reden aber Deutsch“. Das muss man erst erklären. Wir beschäftigen in Naturns über 200 Mitarbeiter auf 50.000 Quadratmetern Gewerbegrund, weltweit sind es 600 Mitarbeiter und es ist immer wieder beeindruckend, Menschen aus der ganzen Welt nach Naturns zu bringen, um hier mit uns zu arbeiten. Ich wage zu behaupten, dass viele Leute, mit denen wir beruflich zu tun haben, durch uns Südtirol entdeckt haben und auch weiterhin hierher in den Urlaub fahren. Man darf das nicht unterschätzen. Wir haben zum Beispiel vor zwei Wochen Mitarbeiter von Coach USA zu Besuch gehabt – das ist eine amerikanische Luxusmarke für Taschen und Accessoires. Wir holen unsere Geschäftspartner gezielt nach Naturns und entwickeln hier die Prototypen für den Ladenbau. Diesen Freitag haben wir Burberry aus London hier und mindestens einmal im Monat sind die Designer von H & M aus Stockholm in Naturns.

Schweitzer ist also unbewusst ein Image- und Werbeträger für Südtirol und Naturns.
Wir versuchen’s zumindest. Das geht soweit, dass der oberste Verantwortliche von H & M zweimal im Jahr mit seiner Familie im Lindenhof Urlaub macht und den Sonnenberg fast besser kennt als wir. Er hat Südtirol durch die Firma Schweitzer kennen gelernt. Da haben wir mit dem Standort in Naturns ganz klar einen Vorteil: Die Menschen kommen gerne hierher.

Auch für Geschäftsanbahnungen dürfte das Spannungsfeld Italien  - Südtirol und Italienisch- Deutsch ein gutes Entrèe sein.
Auf jeden Fall.

Umgekehrte Frage. Wo findet die Firma Schweitzer aufgrund ihrer internationalen Standorte optimale Rahmenbedingungen?
Am Hauptsitz in Naturns werden gerade einmal 15 Prozent produziert, der ganze Rest wird in Osteuropa produziert. Wir haben eigene Produktionsstätten in Polen und in Ungarn – ganz einfach aus Kostengründen. Wenn ich heute Kunden wie Nespresso bedienen will, kann ich nicht in Südtirol produzieren, denn das ist einfach zu teuer. Aber wir waren imstande, den Standort Naturns ganz gezielt durch unsere Holz- und Metallproduktionen und eine ganz starke Entwicklungsabteilung für Prototypen interessant zu machen. Wir haben ein starkes Team aus jungen Technikern aufgebaut. Seit dreieinhalb Jahren sind wir Entwicklungspartner für H & M. Was unsere Leute hier für Stockholm entwickeln, wird 2013 in den Filialen von H&M als Einrichtung stehen. Wir haben für Nike USA das Konzept für die europäischen Filialen in Naturns entwickelt. Der Standort Naturns geht immer mehr in Richtung Entwicklung, Management und Technik und produziert wird – das muss man eindeutig sagen – in Osteuropa.

Das Gehirn in Naturns und die Fertigung in Osteuropa.
Aber Sie dürfen nicht vergessen, dass wir derzeit massiv in die Produktion und neue Maschinen in Naturns investieren, weil wir hier eine Produktion brauchen, mit der man alles machen kann. Außerdem ist die Eigenproduktion in Naturns immer schon der letzte Notnagel gewesen. Wir haben hier für unsere Verhältnisse eine kleine, feine Produktion. Mit 8.000 Quadratmetern Tischlerei und 2000 qm Metallproduktion ist das sicher in Südtirol eine der größten Produktionen. Im Verhältnis zu den anderen Produktionen aber eine der kleinsten. Für uns ist wichtig, hier vor Ort Besonderheiten entwickeln zu können. Für H & M werden alle Sonderprojekte, ob London, Paris oder München, in Naturns gemacht.

Letzte Frage. Ein Wunsch für die Erreichbarkeit?
Den Flughafen in Bozen ausbauen, damit meine Mitarbeiter schneller vor Ort sind und meine Kunden einfacher hierher kommen. Also eindeutig die Erreichbarkeit durch den Flughafen Bozen.

Interview: Erwin Bernhart

Zeitung Vinschgerwind Bezirk Vinschgau

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