Dienstag, 05 Februar 2019 09:26

Nationalpark Stilfserjoch - Schmetterlingskartierung in Mals - Eine wertvolle Initiative des Heimatpflegevereines

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44AWolfgang Platter, am Tag des Hlg. Thomas von Aquin, 28. Jänner 2019

Im Auftrag des Heimatpflegevereines der Gemeinde Mals hat der Innsbrucker Schmetterlingsforscher Prof. Gerhard Tarmann in einer Projektstudie 2015-2018 die Verbreitung des Felsenfalters (Berghexe) (Chazara briseis) und von Widderchen (Lepidoptera Zygaenidae) im Gemeindegebiet von Mals als Grundlage für eine nachhaltige Erhaltung der Arten kartiert.

Tarmann hat die Ergebnisse der Felderhebung am Jahresende 2018 in einem Vortrag in Mals vorgestellt. Ziel der Studie war u.a., das derzeitige Vorkommen des Felsenfalters und der Widderchen-Arten im Malser  Gemeindegebiet festzustellen und nach Möglichkeit die derzeitigen Verbreitungsgrenzen innerhalb des Untersuchungsgebietes zu erheben. Besonders wertvoll ist auch ein weiteres Ergebnis: G. TARMAN hat die neuen Feldbeobachtungen für das Gebiet von Mals in die historischen Beobachtungsdaten für Südtirol und den gesamten Alpenbogen eingeordnet und in Karten dargestellt. Im Rahmen der aktuellen vierjährigen Studie hat G. TARMANN  zur Flugzeit der einzelnen Widderchen-Arten und des Felsenfalters 143 Orte besucht und das Vorkommen dieser Arten nach standardisierter und wissenschaftlicher Methodik dokumentiert. Die Widderchen sind  tagaktive Nachtfalter mit zwei Unterfamilien:  Es gibt die Grünwidderchen (Zygaenidae, Procridinae) und die Rotwidderchen (Zygaenidae, Zygaeninae).

Die Bestimmung der einzelnen Arten
Der Schwerpunkt bei dieser Untersuchung wurde von Tarmann auf die Tallagen und die unteren Hanglagen gelegt. Die Bestimmung der einzelnen Arten erfolgte, so weit möglich im Gelände. Bei den unauffälligen Arten wie den Grünwidderchen erfolgte der Nachweis im Gelände mit Hilfe moderner synthetischer Sexuallockstoffe und die Bestimmung der Arten mit Hilfe von Spezialuntersuchungen (Abpinseln des Hinterleib-Endes und, wenn nötig, Genitaluntersuchung).
Im Zuge der rezenten Erhebungen 2015-2018 konnte G. TARMANN wieder alle 15 Widderchen-Arten feststellen, wie sie aus früheren Untersuchungen für das Gemeindegebiet von Mals dokumentiert waren. Unter den wiedergefundenen Arten waren sechs Arten von Grünwidderchen und neun Arten von Rotwidderchen. Alpenweit sind 22 Arten von Widderchen belegt. Somit kommen in Mals heute zwei Drittel der gesamten Arten aus den Alpen vor und der Malser Raum spielt eine bedeutende Rolle für den Erhalt der genetischen Ressource der Zygaeniden.

Luftkontamination
1307C1Besorgt kommentiert  G. TARMANN das Fehlen der Widderchen am Tartscher Bichl sowie im unteren Bereich der Tartscher Leiten. Er führt das Fehlen auf Abtrift in aufsteigender Luftthermik zurück: (Das Fehlen) „kann nur durch Luftkontamination erklärt werden, da dort alle für ein Vorkommen benötigten Parameter, wie gute klimatische Bedingungen, das Vorhandensein der Raupenfutterpflanzen, und von Nektarpflanzen für die Falter gegeben sind. Wie wir von einigen historischen Sammlungsbelegen wissen, kamen Widderchen am Tartscher Bichl bis mindestens 1966 vor. An den Tartscher Leiten sieht man gut, dass oberhalb des Weidezaunes … noch gute Populationen von Widderchen vorhanden sind, während der untere Teil einerseits durch starke Beweidung und andererseits durch Luftkontamination gestört ist. Eine Wiederbesiedlung des unteren Teiles der Tartscher Leiten und über diese des Tartscher Bichls wäre theoretisch jederzeit möglich.“ Anders als beim Felsenfalter spielt die Luftkontamination bei Widderchen eine wichtige Rolle für ihr Verschwinden von früheren Standorten.

Widderchen als sensible Indikatoren
Die hohe Empfindlichkeit der Widderchen auf kontaminierte Luft ist ein Phänomen, das physiologisch und biochemisch noch nicht geklärt ist. Auch aus anderen Untersuchungen ist aber offensichtlich, dass Widderchen aus ihren Lebensräumen schon längst verschwunden sind, bevor andere Faktoren sichtbar werden. Andere Tag- und Nachfalter, die ja auch alle Schmetterlinge sind, reagieren bei weitem weniger empfindlich auf den Faktor Luft als die Widderchen. Somit sind die Widderchen für die Beurteilung der Luftqualität hochsensible und bestens geeignete „biologische Messinstrumente“.

Der Felsenfalter
Der in Mitteleuropa vom Aussterben bedrohte Felsenfalter (Berghexe) (Chazara briseis) ist eine Charakterart und eine Ikone der Vinschgauer Fels-Steppenhänge. Nach G. TARMANN (2018) kommt die Art im Alpenraum heute nur mehr an wenigen Stellen vor (z.B. französische SW-Alpen, Vinschgau, Münstertal). Nach der neuesten Untersuchung von Tarmann besitzt der Felsenfalter im Gemeindegebiet von Mals zahlreiche starke Populationen. Zur Hauptflugzeit konnten teilweise Dutzende synchron aktive Individuen beobachtet werden. G. TARMANN (2018) S. 232: „Es dürfte sich hier um die derzeit stärksten Populationen der Art im gesamten Alpenraum handeln. Auch am Tartscher Bichl, wo die für Luftgifte besonders empfindlichen Widderchen seit den 1960er Jahren fehlen, ist der Felsenfalter häufig und in einer stabilen Population vorhanden.“ Die Raupen des Felsenfalters sind nachtaktiv. In der Nacht ist die Luftströmung umgekehrt, die sich abkühlende Luft fließt aus den Höhen hangabwärts, es gibt keine Kontamination mit Aerosolen  und nach TARMANN fehlen daher die Falterarten nicht, deren Raupen nachtaktiv sind.
chazara briseisDa der Felsenfalter trockene, kurzrasige Felssteppen-Lebensräume braucht, müssen diese vor Verbuschung und der Bildung hoher Grasvegetation geschützt werden. Dies kann recht einfach durch Beweidung mit kleinen Gruppen von Schafen und Ziegen erfolgen, wie dies noch traditionell im Gebiet zwischen Laatsch und Taufers und an den südlichen Steppenhängen der Sesvenna erfolgt.
Die neue Feldstudie G. Tarmanns hat auch bestätigt, dass in punkto Schmetterlingen in der Sesvennagruppe eine fast völlig intakte Situation bis in die Tallagen besteht, auch wenn im Tal die Populationsdichte signifikant geringer ist als höher oben auf den Hängen. Die Kunst von Managementmaßnahmen in Trockenrasengebieten besteht darin, die richtige Balance zwischen extensiver Beweidung und Vegetationszustand zu erhalten.

Dank und Wunsch
Dem Heimatpflegeverein Mals unter seinem Vorsitzenden Roland Peer  und dem Betreuer Dr. Achim Winkler spreche ich Dank aus, dass der Verein die Studie in Auftrag gegeben, Biodiversität in seinem Umgebungsbereich als erhaltenswertes Kulturgut erkannt und gewertet und damit zukunfts- und nicht nur vergangenheitsorientiertes Denken bewiesen hat. Den Malsern und Obervinschgauer Bauern, den traditionell und biologisch arbeitenden Landwirten, den Anwohnern, den ökologisch Weitsichtigen in der Bodenbearbeitung, den um die Gesundheit Besorgten, den um das wirtschaftliche Einkommen ihrer Familien in peripherer Rand- und Ungunstlage sich Bemühenden  und den Verantwortungsträgern in Politik und Verwaltung wünsche ich in Demut, dass es gelinge, von den Gerichtssälen der gehobenen Streitkultur wieder zum respektvollen Gespräch im verantwortungsvollen Umgang mit dem hohen Gut der Nachbarschaft und des sozialen Friedens zurückzufinden.

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