Dienstag, 16 September 2014 09:06

Wir haben das Gespür für Naturgefahren verloren

Artikel bewerten
(0 Stimmen)

s18sp23 Corrado Morelli neuPrad am Stilfserjoch - Corrado Morelli ist freiberuflicher Geologe. Er stammt aus Minturno, einem Dorf in der Provinz Latina (Latium). Einige Zeit lebte er in Deutschland, seit 20 Jahren wohnt er in Prad, dem Ort, an dem er in seiner Kindheit in den Sommermonaten oft war, denn seine Mutter stammt aus Prad. Corrado ist Mitarbeiter des Amtes für Geologie und Baustoffprüfung beim Projekt CARG (CARta Geologica d’Italia) zur Erstellung einer neuen geologischen Karte von Südtirol.

Vinschgerwind: Mit welchen Themen beschäftigt sich ein Geologe?


Corrado Morelli: Der Geologe beschäftigt sich mit dem Aufbau und den Entwicklungsprozessen der Erde, den Gesteinsschichten und Naturgefahren. Die meisten beschäftigen sich mit der Ingenieurgeologie, d.h. sie erstellen Gutachten über die Statik und Beschaffenheit des Bodens beim Bau von Gebäuden und wichtigen Infrastrukturen (Verkehrswege, Tunnel, Dämme, usw.). Andere befassen sich mit der Hydrogeologie, d.h. mit dem Fließverhalten des Wassers und der Trinkwassergewinnung. Geologen sind beteiligt bei der Ausarbeitung von Gefahrenzonenplänen und erstellen geologische Karten.

Viele behaupten, dass die Naturgefahren angestiegen sind. Ist das richtig?
Der Geologe ist da sehr vorsichtig, denn er sieht die Ereignisse in einem größeren zeitlichen Zusammenhang. Die meisten Naturgefahren im Alpenraum sind Muren, Erdrutsche, Steinschlag und Lawinen. Unsere Landschaft hat sich nach der letzten Eiszeit vor 10.000 bis 20.000 Jahren in der heutigen Form gebildet. Aus dieser Zeit kennen wir viele stumme Zeugen, d.h. Erdrutsche, Mur-abgänge, Felsstürze, die sich vor einigen Tausend Jahren ereignet haben, ohne dass es menschliche Aufzeichnungen gibt. Der Geologe erkennt diese Zeichen. In den letzten Jahrzehnten, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, haben die Menschen der Natur immer mehr Raum genommen, neue Infrastrukturen, Wohnbau- und Handwerkerzonen gebaut, wo früher nichts war. Es wurde auch in Gefahrenzonen gebaut, weil sich dort in den letzten 50 Jahren nichts ereignet hat. Auf der anderen Seite haben wir uns immer mehr von der Natur entfernt und so das Gespür für die Naturgefahren verloren. In den letzten Jahren regnet es wieder intensiver, was zu mehr Muren und Erdrutschen führt. Große  Ereignisse haben oft eine Wiederkehrzeit von 100 und mehr Jahren. Das ist für das Menschengedächtnis ein zu langer Zeitabschnitt.

Die Gemeinden sind derzeit dabei Gefahrenzonenpläne zu erstellen. Wozu dienen die?
Alle Naturgefahren einer Gemeinde werden erfasst. Es sind dies Wassergefahren, Massenbewegungen und Lawinen. Alle vergangenen Ereignisse werden aufgelistet und das Gebiet wird in drei Zonen je nach dem Gefahrenpotential eingeteilt. Diese Pläne sind die Grundlage für die Baupläne und die zukünftige Entwicklung einer Gemeinde. Glurns ist eine der ersten Gemeinden, welche den Gefahrenzonenplan bereits fertig gestellt hat.
Im Juli war eine Geologentagung in Sulden, wo das CARG Projekt vorgestellt wurde. Was ist das?
Das ist ein staatliches Projekt, das in den 90er Jahren gestartet wurde, in Südtirol wird es seit 1998 umgesetzt. Die Ergebnisse im Gebiet des Stilfserjoch Nationalparks liegen bereits vor. Es geht darum, detaillierte geologische Karten zu erstellen. Die alten geologischen Karten stammen aus dem Jahre 1930 bis 1950. Die ersten geologischen Karten von Südtirol stammen aus 1850. Die neuen Karten sind viel genauer und werden digital in einer zentralen Datenbank erfasst, wo sie mit anderen Datenbanken vernetzt sind.

Wo gibt es instabile Gebiete im Vinschgau? Ist die Klima-erwärmung und das Auftauen des Permafrostes eine neue Gefahrenquelle?
Im Vinschgau gibt es mehrere Hänge, die sich bewegen: zwischen Laatsch und Taufers, oberhalb von Trafoi, in Schlinig, am Watles und im Raum Naturns. Die Geologen nennen diese instabilen Hänge „tiefgründige Massenbewegungen“. Normalerweise sind diese Bewegungen harmlos, sie können sich aber, wie zu Beginn dieses Jahres beim Stundenweg zwischen Laatsch und Taufers beschleunigen und zu Felsstürzen führen. Permafrostgebiete gibt es im Alpenraum im Hochgebirge ab 2700 bis 2800 Meter. Durch die Klimaerwärmung verschiebt sich diese Grenze nach oben. Das Auftauen kann erhebliche Folgen haben und zu einer Instabilität des Geländes führen.

Interview: Heinrich Zoderer

 {jcomments on}

Gelesen 1154 mal

Schreibe einen Kommentar

Make sure you enter all the required information, indicated by an asterisk (*). HTML code is not allowed.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok