Dienstag, 14 April 2015 00:00

„...und bin gescheitert wie noch nie in meinem Leben“

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s30 8231Walter Dietl feiert heuer seinen 70. Geburtstag, er gehöre deshalb „zur alten Vinschger Architekten-Riege“, sagt er. Auf einen Bau ist er noch heute besonders stolz: Das Rathaus in Mals, damals, vor 20 Jahren als Ostblock-Bau verpönt. Fußball- und Freizeitanlage hat er noch keine geplant, sagt er, und auch keine Kapelle. Ansonsten fehlt ihm kaum etwas in seinem architektonischen Portfolio. Architekt Walter Dietl im Wind-Gespräch.

Interview und Foto: Angelika Ploner

Vinschgerwind: Herr Architekt Dietl, wohnen Sie in Ihrem Traumhaus?
Walter Dietl: Ja, ich kann schon sagen, dass ich in meinem Traumhaus wohne.
Wo wohnen Sie?


In Kortsch unter dem Karl Grasser. Ich war als Bub schon viel dort oben. Den Grund hat die Kirche damals verkauft. Das war 1981 oder 1982 und ich hab frisch als Architekt angefangen. Die Zufahrt haben wir nach Norden verlegt, sie ist steil und eng. Uns war das Wohnen, die freie Sicht nach Süden und die Ruhe wichtiger. Wir sind heute noch zufrieden, wie wir unser Haus geplant und gebaut haben. Es ist im Grunde ein turmähnliches Gebäude, fünfstöckig mit zentraler Erschließung und wenigen Materialien.
Wenn Sie nochmals bauen könnten, was würden Sie anders planen?
Diese Frage stelle ich mir eigentlich nicht, weil wir nach wie vor sehr zufrieden sind.
Es gibt nichts, was Sie anders machen würden?
Wie gesagt, ich denke gar nicht darüber nach, weil wir immer noch sehr zufrieden sind.
Wie gehen Sie grundsätzlich bei der Planung eines Gebäudes vor?
Ich schaue mir zuerst vor Ort die Umgebung und das Grundstück an. Ich gehe öfters hin, beobachte, wo die Sonne aufgeht, wie die Ausrichtung sein kann und wie die Nachbarschaft aussieht. Dann versuche ich von den Bauherren herauszulocken, was sie eigentlich wollen. Ich verlange immer ein Raumprogramm. Die Bauherren müssen wissen, ob Sie zum Beispiel das offene Wohnen bevorzugen oder nicht. Sie müssen in sich hineinhorchen. Und dann gehe ich an die Bauaufgabe so ran, als ob ich für mich selbst bauen würde. Natürlich unter Einbezug der Vorgaben. Mein Ziel ist es, mit klaren Formen eine optimale Funktionserfüllung zu erreichen. Das unter einen Hut zu bringen, ist nicht so einfach. Ich liebe reduzierte Formen, eine einfache Sprache und wenige Materialien.

Sie gehören zur „alten“ Vinschger Architektenriege, die mit gar einigen Bauobjekten hat aufhorchen lassen. Alten unter Anführungszeichen natürlich...
Ich gehöre durchaus zur alten Architekten-Riege. Ich werde heuer 70, deswegen ist die Bezeichnung „alte Riege“ schon angebracht.
Sie werden 70?
Ja, ich habe das Glück noch Energie zu haben und kann im Prinzip, obwohl ich in Pension bin, gleich weiterarbeiten.

Ein Blick zurück: Auf welches Ihrer Bauobjekte sind Sie selbst besonders stolz?
Eine große Freude hab ich mit dem Rathaus in Mals. Das war eigentlich eine glückliche Fügung, muss ich sagen. Es war gerade ein Bürgermeisterwechsel und man sagte mir, in zweieinhalb Jahren müsste ich diesen Auftrag erfüllen. Ich hab natürlich gleich Ja gesagt, bin dann gestartet und konnte meinen Vorentwurf mit wenigen Änderungen realisieren. Ostblock-Bau bekam ich zum Vorwurf, meine klare Linie war damals noch nicht bekannt und akzeptiert. Das war vor mehr als 20 Jahren.
Weitere Bauen?
Auch mit der Kirche auf der Seiser Alm habe ich noch immer meine Freude, mit der Eisenbahn, wo ich die denkmalgeschützte Remise verlängerte konnte und im Anschluss dann die Haltestellen und einige Bahnhöfe sanieren. Ich hab das Design der Vinscher Linie entwickelt und kurz darauf auch das der Pustertaler Linie, wo ich unter anderem den neuen Bahnhof Olang realisieren konnte. Auch die Marmorfachschule  macht mich noch immer stolz und die Göflaner Feuerwehrhalle, auch wenn ich als Kompromiss das ausgeführte Sichtbetonziegelmauerwerk übermalen musste.

Welches war ihr erstes Projekt?

Das war, zusammen mit meinem damaligen Partner, Karl Spitaler, die Reihenhausanlage in Kortsch und in der Wielander-Kurve, dann die Aufstockung und Erweiterung des Wohnhauses Karl Grasser. Der Karl Grasser hat uns damals viel geholfen, er war stark im Bauwesen verankert und war auch in der Baukommission drinnen. Wir hatten einen großen Widerstand damals. Aber der Grasser hat uns den Rücken gestärkt.

An was erinnern Sie sich gerne...
Eine schöne Zeit war die Anfangszeit mit Karl Spitaler von 1978 bis 1986, als wir gemeinsam unser Büro hatten. Er war immer ein Stürmer und Dränger. In dieser Zeit konnte ich mich auf das Planen konzentrieren und er kümmerte sich um die bürokratischen Angelegenheiten und um die Umsetzung. Das war  eine schöne Zeit, wenn ich  zurückblicke.

Sind die Vinschger Architekten mutig? Nicht nur Sie, die Sie zur „alten Garde“ gehören, auch die jungen Vinscher Architekten?
Ich weiß nicht, ob ich mutig bin oder war, das kann ich nicht beurteilen.

Ich denke schon. Immerhin zählen Sie mit Werner Tscholl, Arnold Gapp und Karl Spitaler zu Vinschgaus Vorzeigearchitekten.
Der Werner Tscholl ist sicher viel mutiger als ich und hat mit dem Würfel in Latsch einen sehr gewagten Bau gemacht.

Trotzdem. Wenn Sie die nächste Architekten-Generation anschauen: Sind mutige Vinschger dabei?
Ja sicher, wir haben ein paar gute junge Architekten hier im Vinschgau. Ein Stephan Marx mit Elke Ladurner, ein Jürgen Wallnöfer, ein Martin Thoma, um nur einige zu nennen.

Sind Vinschger Architekten überhaupt mutiger als jene im Rest von Südtirol?
Damals, als ich begonnen habe, gab es wenige gute Bauten. Die Kirche in Kastelbell von Zeno Abram und Heinrich Schnabel oder das Jugendhaus in Mals von Helmuth Maurer waren damals hier mutige und schöne Bauten. An diese haben wir angeknüpft. Wir haben damals die Initialzündung gegeben, die Pusterer haben nachgezogen und uns mittlerweile teilweise überholt, wir haben sehr viele gute Kollegen draußen und im Bozner Raum sowieso. Es hat sich sehr viel getan.

Welches sind Vorzeige-Bauten im Vinschgau?
Da fällt mir die Seilbahn St. Martin von Arnold Gapp ein. Die hat er sehr schön ins Gelände gesetzt. Wunderschön. Auch im Hotelsektor gibt es mutige und feinfühlige Bauten von ihm. Aber auch das Vereinshaus in Schluderns von Jürgen Wallnöfer oder die Raststation beim Wanderweg in Mals sind schöne Bauten.

Muss Architektur kompromisslos sein, um zu wirken?
Eigentlich ja. Ich würde sagen, man kann nur ganz kleine Kompromisse eingehen. Aber es ist sehr hart Kompromisslosigkeit durchzustehen. Um etwas zu schaffen, das wirklich stark im Ausdruck ist, braucht es Kompromisslosigkeit, ja.
Anders gefragt: Wieviele Kompromisse gehen Sie mit Bauherren ein oder wo lassen Sie Kompromisse zu und wo nicht.
Also keine Kompromisse gibt es bei meiner architektonische Sprache, meiner Linie, der Einfachheit. Deshalb hab ich auch den Ruf: Mit dem Dietl kann man nicht reden. Das stimmt aber absolut nicht. Ich versuche immer den Bauherren zufrieden zu stellen, indem ich ihn überzeuge und erkläre, warum ich etwas so oder anders geplant habe. Deshalb plane ich auch sehr präzise, mit der Einrichtung im Hinterkopf.

Themenwechsel: Fehlt es Architekten an Handwerklichkeit?
Ich kann nicht über andere urteilen. Bei mir fehlt sie nicht, auch aufgrund meiner Ausbildung. Ich habe die Fachschule für Stahlbearbeitung absolviert, habe das Schmiedehandwerk erlernt, und hab dann noch Maschinenbau studiert. Ich bin deshalb technisch versiert. Den Umgang mit Holz hab ich mir selbst beigebracht. Ich plane und mache auch sehr viele Möbel.

Was raten Sie Bauherren vor Planungsbeginn.
Bauherren sollen sich den Planer aussuchen, zu dem sie das Vertrauen haben und dessen Formensprache ihren Geschmack trifft. Ein Haus kostet viel Geld. Ich rate, sich viele Bauten anzuschauen und sich mit der Materie auseinanderzusetzen. Manche setzen einen Hausbau mit einem Autokauf gleich: Möglichst schnell bauen, deshalb unterschätzen viele einen Hausbau.

Welches ist Ihr Lieblingsmaterial?
Mein Lieblingsmaterial ist das verputzte Mauerwerk und natürlich die Lärche. Der Stahl spielt auch eine große Rolle und ist ein Bauelement, das ich gerne einsetze.
Welche Bauaufgabe würde Sie reizen?
Ich möchte noch eine Kapelle planen und bauen. Ich hab schon einmal eine entworfen und war auf einem guten Punkt. Ich habe mit den Bauherren ausgemacht, ich mache zwei Projektvorschläge, wenn keiner passt, dann krieg ich eine Marende und fertig. Ich habe beide Projekte mit Modellen präsentiert, eines ein Wunderbares und bin gescheitert wie noch nie in meinem Leben. Die haben geglaubt, ich will sie „pflanzen“ mit meinem Entwurf, weil sie ganz etwas Anderes, etwas Rustikales wollten. Die Marende allerdings war gut und reichlich.
Wo hätte die Kapelle gebaut werden sollen?
Auf der Windlahn im Sarntal.

Was fehlt noch in Ihrem Portfolio?
Was fehlt? Ich hatte das Glück zwei Kirchen bauen zu dürfen. Und das hat nicht jeder. Schulen hab ich gebaut, Kindergärten und Wohnhäuser und vieles mehr. Eine Fußball- und Freizeitanlage habe ich noch keine geplant.

Sind öffentliche Wettbewerbe Prestigeaufträge?
Wenn man gewinnt, ist das natürlich ein schöner Erfolg. Es ist aber mit einem sehr großen Aufwand verbunden. Im Jahr beteiligen wir uns nur an ein bis zwei öffentlichen Wettbewerben.

An welchen beteiligen Sie sich? An welchen nicht?
An geladenen Wettbewerben beteilige ich mich immer. Das ist ein Pflichtteil. Für den Rest entscheide ich einfach selbst, was interessant ist und was nicht.

Abschließend ein Blick in die Vinschger Gemeindestuben: Was muss sich in den Bauämtern der Vinschger Gemeinden ändern. Ihre Meinung?
In den Bauämtern eigentlich nichts. An der Gesetzeslage vom Land muss sich etwas ändern. Vor allen Dingen muss diese übersichtlicher werden. Es wird sehr viel ausgelegt und es gibt sehr viele verschiedene Auslegungen. Das ist das Dilemma. Momentan ist überhaupt ein völliges Vakuum. Und ein Stillstand. Die junge Verwaltung braucht Zeit, das versteh ich, aber es ist derzeit wirklich eine depressive Phase. In der öffentlichen Verwaltung geht nichts weiter. Bei den Planungskosten wird sehr viel gespart. Das könnte noch zum Pferdefuß werden.

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